Tadschikistan – Pamirhighway

Unterwegs auf der zweithöchsten Gebirgsstraße der Welt

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In Osch (Kirgistan) ist für uns der offizielle Beginn des Pamir-Highways. Auf diesen Abschnitt der Reise haben wir uns ehrlich gesagt schon am meisten gefreut. Doch bevor wir in Osch losradeln, verlängern wir unseren Aufenthalt in dieser Stadt noch spontan um weitere 2 Nächte (vielleicht, weil wir noch einmal gutes, abwechslungsreiches Essen genießen wollen, oder vielleicht eher, weil wir noch gutes Internet haben wollen, um die österreichischen innerpolitischen News mitzuverfolgen :-D). Somit verbrachten wir die letzten Tage in Osch vor dem ORF-live-stream und bewegten uns nur aus dem Zimmer heraus, um am Markt die letzten Einkäufe für die Einsamkeit des Pamirs zu erledigen. Am Bazar in Osch treffen wir zufällig zwei andere Radreisende, welche gerade den Pamir-Highway hinter sich gelassen haben. Sie erzählen mit läuchtenden Augen von der Zeit in Tadschikistan und empfehlen uns, unbedingt auch durch das Wakhan-Tal zu fahren. Das Wakhan-Tal ist ein Anschnitt des Pamirs, welcher im äußersten Süden Tadschikistans verläuft, abseits der Hauptroute. Er führt rund 300 km direkt entlang der afghanischen Grenze. Die Radfahrer erzählen uns von durchgehend schlechten Straßen, aber wunderschönen Landschaften. Mit ihrem „Vorgeschwärme“ haben sie uns von dieser Route überzeugt – das einzige große Fragezeichen jedoch war Bernis (teilweise) desolates Hinterrad… In den letzten Wochen waren zahlreiche Speichen gebrochen, und ob sie nun auch der Belastung von kilometerlangen Schotterpisten standhalten werden, blieb uns ein Rätsel. Aber wir würden es herausfinden.

Die meisten Radfahrer befahren den Pamir-Highway von West nach Ost, also von Duschanbe nach Osch. Wir starteten im Osten und hatten also ein relativ steiles Stück zu Beginn. Kommt man von der anderen Seite, hat man eine eher allmählichere Steigung zu den hohen Pässen, und dann zum Schluss eine steilere Abfahrt. Im Nachhinein betrachtet finden wir die Route, so wie wir sie befahren haben, recht gut – denn wir hatten den steilsten Part recht knackig in den ersten Tagen, und dann bis Duschanbe immer eine Tendenz bergab ;-).

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Am Weg zur tadschikischen Grenze kamen wir durch ein kleines Dorf. In einem Innenhof hörten wir Akkordeonmusik und singende Frauen. Voller Neugier steckten wir vorsichtig den Kopf durch das Tor, um zu sehen, was da drinnen los war. So schnell konnten wir garnicht schauen wurden wir eingeladen und waren Gäste dieses Festes, welches sich als Muttertagsfest entpuppte. Wir bewunderten die in Tracht gekleideten alten Damen und verfolgten einen traditionellen Tanz, welcher uns an tanzende Hühner erinnerte (ähnliche Armbewegung wie der Hühnertanz, welchen man aus den Faschingssendungen kennt 🙂 ). Am Weg zur Grenze trafen wir auch auf viele Hirten mit Schafherden, olympisch ambitionierte Schafe, welche sich für Stab-Hochsprung qualifizieren könnten (nur ohne Stab eben 😀 – siehe Bild)  und viele Kinder, die uns mit Fahrrädern begleiteten, oder am Straßenrand mit uns einschlugen.

In der letzten Stadt vor der tadschikischen Grenze (bereits auf rund 3200 Metern gelegen), bekam Berni dann starkes Kopfweh und leichte Übelkeit. Wir hatten uns im Vorhinein mit der Höhenkrankheit auseinandergesetzt und wussten, dass wir nun nicht mehr weiter aufsteigen sollten. Wir suchten uns daher ein lauschiges Plätzchen unter einer Brücke. Dieser Zeltplatz war insofern etwas besonderes, da wir ganz nebenbei noch unseren privaten Boulder-Platz hatten zum Klettern (das musste auch Berni trotz Kopfweh ausnutzen, aber nur kurz – dann ging es am Nachmittag schon ab ins Bett 😉 ). Am nächsten Morgen gab es dann zwei Überraschungen: Beim Aufwachen waren das Kopfweh und die Übelkeit verschwunden, und wir vernahmen ein Plätschern neben unserem Zelt. Berni meinte“ Seit wann hört man hier Wasser?“. Als wir aus unserem mobilen Haus herausblickten, sahen wir einen Fluss direkt neben uns. In den Bergen musste es wohl über Nacht stark geregnet haben. Dies ist unter anderem Dominiks größte Sorge beim Campen (seit Anbeginn der Reise), nämlich, dass wir an einem Flussbett von steigenden Wasserpegeln überrascht werden (was ihm auf seiner Donaureise auch fast passier wäre). Bis jetzt hat Berni diese Angst immer beschwichtigt – ab jetzt nicht mehr :-).

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An der Grenze zu Tadschikistan treffen wir zwei Radfahrer. Wir tauschten wir immer Erfahrungen aus, aber nicht nur Erfahrungen, sondern auch Tadschikisches/Kirgisisches Geld und SIM-Karten – eine Win-Win Situation 😉 Leider war es viel zu kalt um lange zu plaudern, daher düsten wir bald weiter. Nachdem wir den Ausreisestempel von Kirgistan im Pass hatten, gebann ein Abschnitt von 20km „Niemandsland“, bevor wir offiziell in Tadschikistan einreisen würden. Und was kann man in einem Niemandsland so erwarten? Eines auf jeden Fall nicht, nämlich gute Straßen… Die dortigen „Straßen“ glichen einem Schlachtfeld aus Matsch, Schnee, Eis und dazwischen schlängelten sich kleine Gebirgsbäche. Da es schon Abend wurde, und es stark zu regnen begann, schlugen wir unser Zelt auf. Obwohl es draußen Minusgrade hatte, schliefen wir ruhig und warm in unseren guten Schlafsäcken ein. Ruhig blieb es aber nur die ersten Stunden der Nacht, denn gegen Mitternacht begann draußen ein Schneegestöber, und Dominik erwachte als erster in dieser stürmischen Nacht. Das Rascheln des Windes am Zelt und das Rollen der Steine im daneben gelegenen Fluss glich laut ihm dem Knurren eines Wolfes… Somit wurde auch Berni aus dem Schlaf geweckt. Mit schlaftrunkener Gelassenheit wurde Dominik beruhigt und wieder zum Hinlegen bewegt. Erst am Tag danach konnte zugegeben werden, dass wir uns beide ganzschön gefürchtet hatten. Doch die Schrecken der Nacht waren schnell vergessen, denn wir waren in einem Winterwunderland erwacht. Rund 10cm Neuschnee umgaben uns und das Zelt. Die Zeltstangen waren gefrohren, somit mussten wir warten, bis die ersten Sonnenstrahlen das Zelt soweit erwärmten, um abgebaut zu werden. Um der Kälte zu entgehen setzten wir uns rasch in Bewegung. Die 20 km sollten sich dann als Ganztagesprojekt herausstellen. Wir hatten den 4300m hohen Pass vor der offiziellen tadschikischen Grenze noch vor uns, und die Straßen zwangen uns dazu, nahezu jeden Meter dieser Strecke zu schieben. Der Matsch quillte aus den Kotflügeln hervor, ummantelte die Bremsen und eigentlich jeden Teil unserer Fahrräder. In einem kleinen Haus vor dem hohen Pass legten wir eine Teepause ein, um für kurze Zeit aus den durchnässten Schuhen herauszuschlüpfen. Wir hätten vor Erschöpfung in dieser warmen Stube sofort einschlafen können, doch wir packten uns wieder zusammen, um uns die letzten Serpentinen zu dem Pass hochzuarbeiten. Überraschender Weise war die Stimmung an diesem Tag aber immer sehr gut. Wir freuten uns über diesen landschaftlich komplett anderen Teil der Reise und wurden von der Neugier angetrieben, wie es wohl auf tadschikischen Boden weitergehen würde. Nach einem Tag harter Arbeit waren wir dann endlich oben, und fuhren dann zur Grenzstation. Bei der Einreise trafen wir Reisende mit einem VW-Bus. Sie hatten keinen Allradantrieb und hatten schon Probleme, überhaupt aus dem Grenzpostenareal herauszufahren, ohne stecken zu bleiben… Wir wünschten ihnen alles Gute und hofften, dass sie diese Passage irgendwie doch geschafft haben!

Auf tadschikischer Seite besserten sich die Straßen dann doch wieder etwas, doch wir ratterten auf waschbrettartigen Schotterrillen dahin. Gegen Abend suchten wir nach einem Zeltplatz, als wir entlang einer Gebirgskette einen Schneesturm direkt auf uns zukommen sahen. Kurz darauf hörten wir schon die ersten Donner-Geräusche. Leider konnten wir keinen geschützten Ort ausfindig machen, daher mussten wir in windeseile unser Zelt auf einem flachen Sandfeld neben der Straße aufstellen. Dann ging alles sehr schnell. Der Wind zog auf, die Schneekörner prasselten auf uns ein und wir versuchten so schnell wie möglich unser Equipment ins Zelt zu bringen. Nach diesem Tag auf den schlechten Straßen verpulverten wir noch die letzte Energie beim ruck-zuck Aufbau des Zeltes. Nach dem Essen schliefen wir sofort ein und dem Himmel sei Dank zog der Sturm in eine andere Richtung weiter.

Am darauffolgenden Morgen waren wir wieder von Schnee umgeben. Wir verbrachten den Vormittag damit, unsere Fahrräder und Packtaschen zu reinigen. Geschlagene vier Stunden dauerte es, den Matsch von unserem Equipment herunterzuputzen. Danach radelten wir zum Karakul-See. Wir setzten uns in die Stube eines kleinen Restaurants und bestellten ein Abendessen. Da es schon später Nachmittag war, luden uns die Besitzer ein in der Stube zu übernachten. Wir nahmen dankend an und waren entzückt von dem kleinen Sohn der Familie. An diesem Abend erreichte uns eine besorgniserregende Nachricht in einer Whatsapp-Gruppe. Wir sind Teil einer internationalen Radfahrer-Whatsapp-Gruppe mit über 200 Usern. In Tadschikistan, und vor allem am Pamir, hat man so gut wie nie Internetempfang (nur in Ausnahmefällen). Wir bekamen die Nachricht herein, dass zwei Radfahrer auf der Strecke Karakul-Murghab vermisst seien. Wir wurden hellhörig, da diese Radfahrer nur eine Tagesetappe vor uns sein könnten. Wir gingen also durch den Ort und fragten bei verschiedenen Unterkünften nach, ob jemand die zwei Radfahrer gesehen habe. Niemand konnte uns Auskunft geben. Wir mussten also abwarten, ob wir sie am nächsten Tag einholen und treffen würden.

Der folgende Tag führte  uns über den höchsten Pass des Pamirs – den Ak-Baital-Pass auf 4655m. Beim Aufstieg trafen wir Reisende mit Wohnmobilen. Unter anderem begegneten wir auch einer Familie mit zwei Kindern. Diese hatten ein komplett eingerichtetes Holzhaus auf ihrem Truck dabei – wir waren „aus dem Häuschen“ vor Begeisterung! Wir plauderten mit den Eltern und winkten beim Wegfahren den Kindern im Holzhaus zu, welche von der Couch aus aus dem Fenster winkten. Danach trafen wir einen lettischen Motorradfahrer, welcher mit uns zu plaudern begann. Er wirkte etwas verwirrt und zurückhaltend, fuhr auch recht schnell wieder weiter. Uns beiden kam das alles komisch vor. Kurz danach kam ein weiterer Motorradfahrer, wie sich herausstellte der Kumpel des ersten Motorradfahrers. Dieser erzählte uns, dass der andere im „Niemandsland“ auf den Matsch-Straßen umgekippt sei, und das Motorrad auf seinen Fuß drauf gefallen sei. Der Fuß sei nun vermutlich gebrochen, doch sie mussten weiterfahren, um hoffentlich bald ein Krankenhaus zu finden!

Am Ak-Baital-Pass begann es wieder zu schneien. Die Straßen waren leider auch wieder schlechter und so brauchten wir zum Schieben der Fahrräder geschlagene 30 Minuten für einen Kilometer! Wir machten auch viele Pausen zwischendurch, und bemerkten ein Rudel von Tieren am Hang des Berges hinter uns. Wir konnten leider nicht genau sehen um welche Tiere es sich exakt handelte, aber sie bewegten sich so geschmeidig elegant wie Wölfe (nicht so, wie wir es von Gämsen oder Rehen gewohnt waren…). Wir nahmen also all unsere letzte Kraft zusammen, um den Pass etwas schneller zu erreichen. Wir drehten uns aber immer wieder um, um zu sehen, ob das Rudel uns folgen würde. Glücklicher Weise blieben sie uns aber fern. Rund 30km nach dem Pass schlugen wir dann unser Zelt neben einem Fluss auf (aber mit Sicherheitsabstand zum Wasser 😉 ). Es wurde zu unserer kältesten Nacht  (-15 Grad) – denn diese Nacht war sternenklar und am darauffolgenden Morgen war der Fluss komplett zugefrohren.

Betrachtet man die Stadt Murghab auf der Karte, so hat man das Gefühl, es sei eine große, gut ausgestattete Stadt. Tja, falsch gedacht.. Wir sahen auf unserer Karte drei Banken eingezeichnet, daher hatten wir damit gerechnet, in Murghab Geld abheben zu können. Als wir aber dann in Murghab ankamen, waren zwei der drei Banken geschlossen und es gab nirgends einen Bankomat. Wir hatten genau nichts mehr im Geldbörserl, außer die 20€, die uns Bernis Oma zu Weihnachten zukommen hat lassen. Doch in Bank nummer Drei wollten sie uns nicht einmal unser einziges Geld wechseln, sie hätten nur US-Dollar akzeptiert… Na toll! Wir – völlig hungrig und ausgepowert, den Tränen nahe (na gut, nur Berni war den Tränen nahe…) – standen am Straßenrand, planlos. Da kam plötzlich ein Tourist aus Kanada vorbei. Wir kamen ins Gespräch und erklärten ihm unsere missliche Lage. Der nächste Bankomat sei rund 10 Tagesetappen entfernt und wir haben nur Euros… Der Kanadier war so lieb, uns die 20 Euro in tadschikische Somoni zu wechseln – die erste Erleichterung. Wir kauften uns sofort einen Sack Kekse, um unser Blutzuckertief zu beheben. Dann war uns zwar schlecht, aber wir hatten wieder Energie, um unser Problem weiter anzugehen. In dem einzigen Hotel im Ort, dem Pamir Hotel, fragten wir nach, ob es eine Möglichkeit gebe, irgendwo Geld abzuheben – leider nein. Der Hotelrezeptionist war sehr freundlich und sprach sehr gut deutsch, was uns erneut aufatmen ließ. Er meinte, er würde uns versuchen zu helfen. Im Laufe des Tages kam ein älteres Pärchen aus Frankreich mit ihrem Wohnmobil beim Hotel an. Uns war die ganze Sache furchtbar unangenehm, doch uns blieb nichts anderes übrig, als die beiden nach Bargeld zu fragen. Sie waren bereit uns zu helfen und konnten uns 100 Euro in bar geben – genug, um die nächsten zwei Wochen Essen zu kaufen. Da wir in Murghab Internetempfang hatten, konnten wir ihnen „Onlinebanking sei dank“ das Geld auch sofort wieder rücküberweisen. Der Hotelrezeptionist tauschte uns die Euros dann noch in tadschikisches Geld um – somit waren wir wieder auf der sicheren Seite.

Es heißt, am Pamir hat fast jeder Magen-Darm-Probleme. Leider musste auch Dominik diese Erfahrung machen. In der Nacht in Murghab verbrachte er viele Stunden am Klo… Daher fuhren wir am nächsten Tag nur 10km aus der Stadt hinaus, um sofort das Zelt aufzuschlagen und einen Lesenachmittag in der Sonne zu verbringen. Wir nutzten also unseren Pausentag zum Wäschewaschen und Ausruhen. Wir hatten noch etwas Empfang und lasen mit Erleichterung, dass die zwei vermissten Radfahrer sich gemeldet hatten – ihnen war nichts passiert, sie hatten lediglich keinen Empfang gehabt.

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Der Folgetag hielt wieder viele Überraschungen bereit. Am Weg trafen wir einen älteren Mann, welcher von Slowenien bis nach Tadschikistan zu Fuß gegangen war. Er habe mehrere Etappen gemacht und sei dazwischen teilweise nachhause geflogen. Nun ginge er den Pamir – und zwar in 50 km-Tagesetappen! Wir waren sprachlos! Wir selbst schafften auf diesen Straßen teilweise nur 40-60 km pro Tag – und das mit dem Fahrrad! Er meinte, dass er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gehe, sehr ambitioniert unserer Meinung nach. Der Mann ging weiter und wir sahen hinter ihm eine Radfahrerin auf uns zukommen. Sie fuhr den Berg so locker leicht hoch, dass wir uns dachten, sie muss wohl sehr durchtrainiert sein. Als sie näher kam hörten wir das surrende Geräusch ihres Elektromotors. An diesem Tag lernen wir Andrea kennen, eine schweizer E-Bike Fahrerin, welche von Zürich nach Duschanbe gefahren ist. Sie ist dann nach China geflogen, um dort zu überwintern, und anschließend die Strecke wieder retour nach Duschanbe zu fahren. Dies war die Geburtsstunde unserer Pamir-Fahrradgruppe. Wir beschlossen also, gemeinsam weiterzufahren. Eigentlich hatte Andrea nicht geplant durch das Wakhan-Tal zu fahren, da sie auch nicht wusste, ob sie dort ihre Akkus für das Rad laden könnte. Doch es würde nur eine Strecke von rund 120 km unbewohnt sein, und da sie zwei Akkus hatte (mit einem Akku kam sie 100 km weit), war sie gleich überzeugt von dieser neuen Route.

Das Wakhan-Tal

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Wir zweigten also nun als Dreierteam von der Hauptroute ab und fuhren dem Pass entgegen, auf dessen Hinterseite das Wakhan-Tal lag. Es sollte der letzte Tag sein, an dem wir halbwegs gute Straßen gesehen haben… Es ging weiter auf Sandpisten und Schotterstraßen. Andrea fuhr meist voraus, um uns dann beim Schieben unserer Fahrräder zu helfen – wir waren sehr dankbar dafür! 🙂 Nach dem Pass erreichten wir die Militär-Kontrolle an der afghanischen Grenze. Unsere Reisedaten wurden aufgenommen. Nun begann ein wunderschöner und sehr besonderer Anschnitt. Beim Runterfahren wurde es immer grüner und grüner, die Temperaturen wurden immer angenehmer und die Dörfer des Wakhan glichen saftig-grünen Oasen in mitten der wüstenähnlichen Landschaft. Das Wakhan verläuft direkt entlang von Afghanistan, getrennt werden die beiden Länder lediglich von einem Fluss.

Wir brauchten 8 Tagesetappen durch dieses Tal, mit einem Pausentag in einem kleinen Homestay. Dieses Homestay war wunderbar – gute Duschen und gutes Essen! Zum Frühstück gab es drei verschiedene, selbstgemachte Marmeladen, knuspriges Brot und allerlei Köstlichkeiten. Was soll man sagen, uns „immer hungrigen Radfahrer“ kennt man wohl von anderen Reisenden herraus – wir drei aßen immer alles auf was am Frühstückstisch stand :-D. An unserem Pausentag gingen wir zu einer der vielen „Hot-Springs“, also eine der heißen Thermalquellen. Diese Quellen sind in einem Badehaus, welches einen Raum für Frauen und einen Raum für Männer hat. Die dort ansässige Bevölkerung nutzt diese Hot-Springs zum Duschen, da die wenigsten über heißes Leitungswasser verfügen. Wir hatten einen schönen Nachmittag im Badehaus und kamen dort mit den Menschen des Dorfes zusammen. Das Wasser war jedoch so heiß, dass man kaum 5 Sekunden die Füße reinhalten konnte. Nach dem Badevergnügen wurden wir noch auf einen Tee eingeladen,  und konnte so ein Haus der lokalen Bevölkerung besuchen. Was uns sofort auffiel: In dem Haus waren zahlreiche Kinder – das jüngste war 3 Monate alt, die älteren rund 10 Jahre. In dem Haus waren viele Generationen versammelt und die Kinder tollten in dem großen Wohn-/Schlafzimmer herum. Hier wird der Satz „Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen“ noch richtig gelebt.

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Im Wakhan hatten wir ab 3 Uhr Nachmittags immer sehr starken Gegenwind. Hin und wieder begann es auch zu regnen. In diesen Fällen setzten wir uns zu dritt in unser Zelt und kochten vom Zelt aus. Manchmal wurden wir auch von den Hirten zum Tee eingeladen. Russisch zu lernen wäre noch der Hit gewesen, doch wir konnten uns auch mit Händen und Füßen verständigen. Ebenso bewunderten wir immer wieder das Wildwasser des Grenzflusses, und Dominik träumte schon davon, welche Linien man in diesem Fluss mit einem Raft oder Kajak fahren könnte. Für uns war es wie immer auch ein Highlight andere Radreisende zu treffen – und von denen trafen wir reichlich am Pamir ;-). Wir campierten jeden Tag – immer vis-a-vis des Grenzflusses. Eines Nachts hörten wir Stimmen außerhalb des Zeltes. Ehrlich gesagt hatten wir doch ein etwas mulmiges Gefühl, doch wir vermuten, dass es das Militär gewesen sein muss, was auch tagsüber immer wieder auf Patrouille ging.

Nach dem Wakhan-Tal erreichten wir die Stadt Chorugh. Dort stiegen wir in das Radfahrer-Hostel „Pamir-Lodge“ ab. Wir trafen zwei pensionierte australische Radfahrer. Einer von ihnen war ein Fahrradmechaniker – perfekt für unsere Situation! Bernis Speichen brachen noch immer… Sie hatte jetzt schon 13 Speichenbrüche „all-in-all“. Wir zogen mit ihm alle Speichen noch fester an, was sich im Nachhinein vielleicht als Fehler herausstellte, aber mehr dazu später. In dem Hostel trafen wir auch zwei Schweizer, einen Vater mit seiner Tochter, beide bereisten den Pamir mit dem Motorrad. Wir hatten eine tolle Zeit, all die Reisenden mit ihren Geschichten zu treffen! 😉

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Beim letzten Teil des Pamir-Highways nach Duschanbe hatten wir tolle Campingplätze – einmal sogar mit einem eiskalten Schwimmbecken in einem kleinen Wald. Nun begann auch die Landschaft sich zu verändern. Es wurde immer heißer, die hohen Felswände verschwanden und wurden in sanfte Grashügel verwandelt. Über Mittag mussten wir immer eine lange Pause machen, um der Hitze zu entgehen. Da dürfte auch Berni einmal etwas „Falsches“ erwischt haben. Sie hatte sich schon gefreut, den Pamir ohne Magen-Darm-Geschichten überstanden zu haben… Doch dann verbrachte auch sie noch eine Nacht zwischen Zelt und Gebüsch. Das Problem mit Bernis Speichen wurde leider auch immer schlimmer. Die Speichen brachen nun auch auf guter Asphaltstraße – einfach so. Wir zählten nun schon Speichenbruch Nummer 16! Nachdem wir in Chorugh alle Speichen fester gezogen hatten, wurde es für uns auch immer schwieriger das Hinterrad zu zentrieren. Zum Schluss blockierte das Hinterrad so stark, dass wir die letzten 150 Kilometer per Autostop zurücklegten. Wir trennten uns schweren Herzens von Andrea, welche uns nun schon seit fast 3 Wochen begleitete. Sie würde die letzte Etappe in zwei Tagen radeln und uns dann wieder in Duschanbe treffen.

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Auf der Strecke nach Duschanbe kamen wir auch an einem Denkmal vorbei. Letztes Jahr wurden bei einem Attentat mehrere Radfahrer auf offener Straße ermordet. Seither hat die Polizei- und Militärpräsenz auf der Pamirstrecke stark zugenommen.

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Zurückblickend war der Pamir definitiv eine der schönsten und anspruchvollsten Fahrradstrecken, die wir je gesehen haben. Man trifft auch immer wieder andere Radfahrer – teilweise bis zu 9 Radfahrer pro Tag (wir schlossen am Morgen immer Wetten ab, wieviele es werden würden). In Duschanbe – dem Ende des Pamirs – konnten wir im Greenhause Hostel unterkommen (ein ebenso beliebtes Hostel bei Radfahrern). Hier trafen wir auch die zwei Radfahrer, die als vermisst gegolten haben und nach denen wir in Karakul gesucht hatten. Bernis Laufrad wurde ausgetauscht und soll nun hoffentlich bis zuhause halten. Ebenso wurden einige weitere Pläne für unsere Reise geändert – aber mehr dazu beim nächsten Mal! 😉

 

 

 

 

 

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