Usbekistan, Kasachstan, Aserbaidschan

Es kommt anders als geplant…

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Unsere letzten Tage in Tadschikistan waren geprägt von Routenplanung und Visumsbestimmungen auskundschaften. Kurz bevor wir Duschanbe, die Hauptstat von Tadschikistan, erreicht hatten, haben wir bereits unsere E-Visa für den Iran beantragt. Als wir dann in das Green House Hostel (ein beliebtes Radfahrer-Hostel) in Duschanbe eincheckten, erreichte uns die erschreckende Nachricht – Bernis Visumsantrag für den Iran wurde abgelehnt (wohingegen Dominik das Visum bekommen hätte). Grund der Ablehnung: Ein dreizeiliger Text auf Farsi… Na toll! Da wir beide mit der Übersetzung etwas überfordert waren, halfen uns andere Rad- und Motorradreisende, den Text zu entschlüsseln. Wir sollten das Visum erneut beantragen, aber dieses mal über eine Reiseagentur. Wir entschieden uns aus etlichen Gründen gegen einen erneuten Antrag: Über ein Reisebüro hätten wir zusätzliche Kosten zu tragen, ebenso müssten wir wieder knapp eine Woche auf den Bescheid warten. Auch die politische Situation war und bleibt aufgrund der Konflikte mit den USA angespannt und viele der schönen Fahrradstecken verlaufen durch Wüstenregionen, die nun durch die Hitze des Hochsommers kaum zu beradeln sind. Und wenn wir das Iranvisum erst in der Tasche hätten, wäre dann noch das Visum für Turkmenistan zu beantragen – das für alle Reisenden ein Mysterium ist. Man bekommt gegnerell nur ein Transitvisum für 5 Tage, und ob man es tatsächlich erhält, weiß niemand so genau. Manche munkeln, man darf auf dem Passbild keinen Bart tragen, andere vermuten, dass auf der Visabehörde zwei Menschen sitzen – ein fröhliches Mädchen, welche alle Anträge bestätigt, und ein alter grimmiger Mann, welcher alle im Papierkorb verschwinden lässt (so viel zu einer Verschwörungstheorie eines französischen Radfahrers, wessen Bescheid abgelehnt wurde). 🙂

Wir schmiedeten also einen Alternativplan – nämlich, mit der Fähre übers Kaspische Meer zu fahren. Gesagt – getan.

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In Duschanbe nahmen wir Abschied von unserer liebgewonnenen Fahrradkollegin Andrea aus der Schweiz. Die ersten Tage ohne ihr kamen uns doch etwas komsich vor, waren wir immerhin doch bereits gute drei Wochen zusammen am Pamir unterwegs gewesen.Wir vermissten vor allem ihre guten Tipps und Tricks bei Magen-Darm-Beschwerden, denn Dominik hatte es als „Grande Finale“ am letzten Tag in Tadschikistan nochmals erwischt… Somit legten wir eine dreitägige Pause ein. Der Hotelbesitzer brachte ihm ein paar dubiose Tabletten, von denen er drei nehmen sollte – „everything finish“ stellte er uns die schnellen Heilungschancen in Aussicht. Und tatsächlich, bald waren die bösen Geister endgültig im Klo hinuntergespült und wir radelten weiter nach Usbekistan.

Der Grenzübertritt ging schnell und unproblematisch von statten. Schon die letzten Tage hatte uns die Hitze ganzschön gefordert. Wir hatten Temperaturen um die 40 Grad, und im Flachland von Usbekistan spürten wir die Sonnenstrahlen besonders intensiv. Wir suchten uns also einen Zeltplatz am Fluss. Hier trafen wir auf etliche Dorfbewohner, welche mit ihren Kühen auf der Weide unterwegs waren. Am Abend kamen noch zwei junge Männer auf einem Pferd vorbei, welche zu unserer Überraschung (und im Gegensatz zu den anderen Dorfbewohnern) fließend Englisch sprachen. Dominik nahm gleich eine private Reitstunde und ritt „hoch zu Ross“ dem Sonnenuntergang zu. 😉

Wir besichtigten die kulturellen Hochburgen der Seidenstraße: Samarkand und Bukhara. Die wunderschönen Moscheen und Madressen waren wahrlich eine Augenweide. In Bukhara konnten wir über Couchsurfing in einer alten Karavanserei übernachten. Dort nächtigten noch drei weitere Radfahrer aus Frankreich. Wie immer wurde die Nacht fast zu kurz, da wir viele Infos über den Radfahreralltag auszutauschen hatten. Nach unserem Besuch in Bukhara entschieden wir uns, die Wüstenstrecke des Landes mit dem Zug zu überspringen. Die Hitze drückte schon so unerbittlich in diesem Teil des Landes, und von anderen Radfahrern hatten wir gehört, dass es Richtung Norden nach Kasachstan noch schlimmer werden soll. Wir freuten uns also über die Abwechslung und einmal auf den Schienenverkehr umzusteigen.

Ob wir durch diese Methode der Hitze wirklich entgangen sind, wagen wir zu bezweifeln. Im Zug vermissten wir umso mehr den kalten und frischen Wind des Pamir-Gebirges. Man könnte sagen, so fühlt man sich, wenn man als Tiefkühlpommes aus dem Gefrierschrank direkt in die Fritteuse wandert. Wir fuhren mit einem alten russischen Zug, welcher über keine Klimaanlage verfügte. Dafür gab es auf jedem Gang einen alten Wasserkessel mit heißem Teewasser, der perfekte Drink für diese Sauna-Temperaturen. Der sehr launische Schaffner hätte der Saunameister sein können, nur dass er den für uns alles entscheidenden Satz nicht gesagt hatte: „Wem zu kalt ist der rutscht eine Reihe höher, wem zu warm ist der kommt eine Reihe weiter hinunter und natürlich kann man die Sauna JEDERZEIT VERLASSEN“ (hmm.. leider nicht). Aber noch ein paar Worte zum Schaffner: Man muss sich vorstellen, wir beide standen mitten in der Nacht (der Zug ging um Mitternacht) voller Vorfreude am Bahnhof. Im Gepäck – natürlich unsere vollbepackten Fahrräder. Die Zugtickets hatten wir bereits am Vortag beim Ticketoffice gekauft. Die Dame am Schalter hatte uns mehrere Male versichert, dass die Fahrradmitnahme problemlos und kostenlos sei. Nun, in besagter Nacht wollte uns der besagte Schaffner einfach am Bahnsteig stehen lassen, weil wir zwei Fahrräder dabei hatten. Nach langer gestenreicher Diskussion (er kein Englisch, wir kein Russisch), konnten wir die Fahrräder verladen. Doch von Nachtruhe im Zug war keine Spur. Er bestellte uns beide mehrmals in sein Kämmerchen und wollte 50 Dollar für die Fahrräder kassieren. Wir blieben aber stur, da wir von der Verkäuferin beim Ticketschalter und von anderen Radfahrern wussten, dass die Mitnahme kostenlos sei. Der Schaffner drohte uns sogar, die Fahrräder beim Fenster hinauszuwerfen. Als wir ihm mehrmals verständlich machten, dass wir einfach das Ticketoffice anrufen würden, lenkte er endlich ein und ließ uns schlafen (nachdem er es mit einer Zahlung von 20 Dollar nochmals probiert hatte…).

In Kasachstan wurden wir vom Glück geküsst, denn die Fähre war zufällig genau an dem Tag zur Abfahrt im Hafen, an dem wir ankamen. Zur Erklärung: Es gibt im Internet anscheinend einen Fahrplan zur Fähre am kaspischen Meer, doch dieser stimmt nicht mit der Realität überein. So haben wir schon von etlichen Radfahrern gehört, dass manche ganze sieben Tage am Hafen auf die Fähre gewartet haben. Wir haben natürlich alle Ratschläge beherzigt und einen Essensvorrat für mehrere Tage angehäuft. Diesen Vorrat konnten wir aber auch ohne Wartezeit am Hafen gut gebrauchen, da die Essensportionen an Board für unsere Radfahrermägen zu klein war ;-).

Nach drei Tagen auf hoher See und einer guten kühlen Briese gingen wir in Aserbaidschan an Land – back to the heat. Wir waren also wieder in der vollen Sommerhitze angekommen. Die erste Nacht schlugen wir unser Zelt auf einem Kreisverkehr nahe des Hafens auf. Als in der Nach ein Polizist vorbeikam meinte er nur lachend: „Your private hotel“. Alles in allem waren wir von der Gastfreundschaft der Menschen in Aserbaidschan überwältigt. An einem heißen Radeltag in der prallen Sonne schenkte uns ein Autofahrer zwei Liter kaltes Wasser, ein Melonenverkäufer schenkte uns im vorbeifahren zwei Zuckermelonen, ein Eiswagen schob extra zu uns zurück, um uns zwei Eis am Stiel aus dem Kühlwagen zu reichen und eine Familie im Auto blieb bei uns stehen, um uns nach einem gemeinsamen Fotoshooting eine Packung Kekese zu schenken – und das alles wie gesagt an einem einzigen Tag!

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Leider waren unsere Tage in Aserbaidschan nicht immer so rosig. So hatten wir unseren ersten gröberen nächtlichen Zwischenfall in der zweiten Nacht in diesem Land. Wir schlugen unser Zelt in einem kleinen Dorf auf, gleich neben einen schmalen Fluss. Da es am Abend noch hell war, kamen etliche Dorfbewohner vorbei, um zu sehen, was wir hier machten. Alle grüßten uns freundlich und auf die mit Gesten und ein paar Brocke Russisch gestellte Frage, ob wir hier zelten können, nickten uns alle freundlich zu. Auch ein junger Mann im Alter von 26 Jahren stellte sich mit zwei von seinen Freunden bei uns vor. Wir verständigten uns, wie so oft, mit Händen und Füßen. Als es dann zu dämmern begann, legten wir uns ins Zelt. Die nächtliche Ruhe währte aber nur bis Mitternacht, als wir in der Dunkelheit Stimmen hörten. Es waren die drei jungen Männer, die wir am Abend schon kennengelernt hatten. Sie tuschelten untereinander, und nach wenigen Augenblicken klopften sie an unser Zelt. Anfangs versuchten wir sie zu ignorieren. Die Männer ließen aber nicht locker, also steckte Domi den Kopf beim Zelt hinaus. Sie fragten uns, ob alles okay sei – wir antworteten mit „ja“. Sie schenkten uns daraufhin eine Zuckermelonen und gingen wieder weg. Sie tuschelten aber weiterhin neben unserem Schlafplatz, und plötzlich schüttete jemand Wasser auf unsere Zelt. Wir hörten nur wie sie lachend davonliefen. Wenige Minuten später kamen die drei wieder angetanzt. Nun sagten sie lautstark „Hello, hello. Police, Police“. Dominik ging entnervt vor das Zelt. Nun wollten sie uns weiß machen, dass einer der drei ein Polizist sei, nur weil er uns ein Foto von sich in seiner Militäruniform auf dem Handy zeigte. Domi meinte, dass wir einen Ausweis sehen wollen und er außerdem in T-Shirt und Badeschlapfen vor uns stünde, also keine Uniform an habe. Er verschwand daraufhin und kam wenige Minuten später mit einem Ausweis (was für ein Ausweis das war wissen wir bis heute nicht genau) und seiner Militärjacke und einer Militärkappe am Kopf zurück. Wir spielten das Spiel also mit und gaben ihnen unseren Reisepass, aber nicht das Original, sondern unseren Zweitpass, den wir für das Chinavisum gebraucht haben. Dann begann er ohne zu fragen Domi bei der Hüfte abzutasten, um ihn auf Waffen oder weiß Gott auf was zu durchsuchen. Domi währte dies ab, doch der Mann fuhr fort. Und tatsächlich – er erwischte den Pfefferspray, den Domi sich sicherheitshalber in den Hosenbund gesteckt hatte. Wir sagten noch „stop“, aber kaum hatte er den Spray in die Hand genommen, hatte er auch schon abgedrückt. So hat er sich selbst und seinen zwei Kollegen ins Gesicht und auf die Hände gesprüht. Im ersten Moment waren alle mal perplex, dann wollten sie natürlich wissen, was das war. Dominik deutete auf den Fluss neben uns, und dass sie sich alles aus dem Gesicht waschen sollten – dies taten sie auch bereitwillig. Wir versuchten ihnen zu demonstrieren, dass wir diesen Spray für gefährliche Straßenhunde dabei haben. Einer der drei Männer interpretierte dies etwas anders und legte sich seine eigene Story zurecht – er dachte, dies sei ein Moskitospray (wir ließen ihm in diesem Glauben und Domi bestätigte die Moskitospray-Theorie, wodurch sie uns den Pfefferspray wieder gaben). Die Situation spitzte sich allmählich zu und dann wollten die Männer noch, dass Dominik mit ihnen mitgehen soll. Als wir verneinten wollten sie Geld von uns. Wir verneinten erneut und meinten, dass wir nun wirklich die Poliziei anrufen werden. Zu unserem Glück kam in diesem Moment ein älterer Mann, der vermutlich ein Bewohner der naheliegenden Häuser war. Er schimpfte mit den Männern und bestand darauf, dass sie sich bei uns entschuldigen sollen. Die Männer kamen also mit geduckten Köpfen zu uns und gaben uns zur Entschuldgung die Hand. Danach zogen sie alle ab. Doch als wir erleichtert ins Zelt schlüpften, hörten wir erneut einen Krach. Domi kletterte wieder aus dem Zelt und sah auf der rund 30 Meter entfernten Straße eine Schlägerei mit ungefähr 7 Leuten – und dies mitten im Dorf um rund 2 Uhr morgens. Nun waren wir erst recht in Alarmbereitschaft – wir wussten ja nicht, was der Grund ihrer Auseinandersetzung war, und ob sie zu unserem Zelt zurückkommen würden. Wir haben nur vorher schon mitbekommen, dass der Mann im Militärjäckchen den anderen angedeutet hatte, dass er Probleme bekommen würde wenn wir die Polizei rufen – veillecht ein möglicher Grund? Jedenfalls packten wir gleich eine Notfalltasche mit allen wichtigen Utensilien, dass wir bei einer Rückkehr der Männer gleich davonlaufen könnten. Die Schlägerei wurde aber sehr schnell wieder aufgelöst, da etliche Anrainer aus den Häusern kamen und für Ordnung sorgten. Wir legten uns also wieder ins Zelt. Die Nacht verlief dann ohne Zwischenfälle, nur hörten wir immer wieder Schritte auf der anderen Seite des Flusses, woraufhin unser Puls immer in die Höhe schnellte. Wir begannen noch in dieser Nacht mit einer Reflexion der Geschehnisse – Was haben wir gut gemacht und was sollen wir bei einer ähnlichen Situation in Zukunft anders machen? Wir waren uns einig – die Kommunikation unter uns hat sehr gut funktioniert und wir haben bei jedem Schritt erstmal ruhig reagiert (auch wenn wir innerlich alles andere als ruhig waren).

Erst gegen 4 Uhr morgens war es dann wirklich still geworden und wir konnten noch ein paar Stunden schlafen. Das einzig schöne in dieser Nacht war, dass wir eine kleine Mitbewohnerin bekommen haben. Ein Babykätzchen hat sich zu uns gesellt und die Nacht auf unserem Innenzelt verbracht.

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Schon am nächsten Tag kam uns der nächtliche Zwischenfall wie ein böser Traum vor. Wir konnten auch schon über so manche Details lachen – zum Beispiel, dass sie den Pfefferspray für einen Moskitospray gehalten haben.

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Die restlichen Nächte in Aserbeidschan verliefen aber wie immer friedlich. Nur die letzte Nacht wurden wir von einem lautstarken Sommergewitter wach gehalten. Die Blitze erhellten das Zelt im Minutentakt, der Donner gröllte über uns dahin und heftige Regenschauer prasselten auf uns nieder. Nach dieser Nacht radelten wir auf die Grenze zu Georgien zu. Beim Grenzübertritt merkten wir erst, was wir die letzten Tage kaum gesehen haben – nämlich Frauen! In Aserbaidschan hatten wir den Eindruck, dass Frauen am öffentlichen Leben kaum teilnehmen. In den Cafes, den Restaurants, in den Geschäften, auf der Straße – wir bekamen so gut wie nie eine Frau zu sehen. Wir haben in Aserbaidschan bewusst einen Tag Ausschau gehalten, doch in den öffentlichen Einrichtungen am Land bekamen wir kaum eine Frau zu Gesicht, nur Männer.

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In Georgien änderte sich dies schlagartig – wir wurden gleich von einer weiblichen Grenzbeamtin in Empfang genommen. Schon auf den ersten Kilometern im neuen Reiseland fühlten wir uns pudelwohl und wir verbrachten 5 erholsame Tage in der Hauptstadt Tiflis. Mehr dazu gibt es dann aber im nächsten Eintrag!

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