Türkei

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Bei der Einreise in die Türkei fielen uns sofort die tollen, breit ausgebauten Asphaltstraßen auf. Diese waren obendrein auch noch radfahrerfreundlich – mit einem gut markierten breiten Streifen exklusiv für uns Menschen auf Drahteseln. Viele Türken hupten und winkten uns aufmunternd zu, als wir schwitzend den ersten Berg nach dem Grenzübergang hochradelten. Abgesehen von diesen vielen schönen Begegnungen erlebten wir auch noch etwas anderes… Dieser Tag würde für uns in die Reisegeschichte eingehen als der Tag, an dem Berni einen „Hundfall“ (= Hund+Unfall) erleiden würde. Wie ist es also dazu gekommen? Wir fuhren nichts ahnend eine Landstraße entlang, als wir plötzlich lautes Hundegebell von einem Fabrikgelände her hörten. Schon fetzte ein groß ausgewachsener Hund auf uns zu. Er näherte sich in Windeseile, bellte aggressiv und machte nicht den Eindruck, also ob er nur auf ein Leckerlie zu uns verbeikommen wollte. Obwohl wir in solchen Fällen normalerweise anders handeln (also stehen bleiben und das Fahrrad schieben, da das Treten in die Pedale die meisten Hunde nur noch aggressiver macht), radelten wir so schnell wir konnten die Straße weiter. Der Hund kam immer näher, bellte laut und fletschte seine Zähne – wir traten fester in die Pedale und heizten unbeabsichtigt die Hetzjagd nur noch mehr an. Als Berni den Atem des Hundes schon förmlich an ihrer Wade spüren konnte, rutschte sie halb vom Sattel herunter und befand sich nun in einer Art Damensitz. Diese Sitzposition währte nicht lange, denn dann kam plötzlich ein Straßenschild ziemlich nahe… zu nahe… Kurz gesagt, die Hetzjagd endete damit, dass Berni frontal in ein Straßenschild bretterte, und im Straßengraben samt Fahrrad zu liegen kam. Da war auf einmal auch der Hund sprachlos und still. Er schaute etwas ratlos – hatte sich seine Beute wie es aussah einfach selbst erlegt. Nach „getaner Arbeit“ zog der Hund also ab und ließ uns beide zurück. Fahrrad und Fahrerin waren glücklicher Weise wohl auf, doch ein blauer Fleck blieb als Andenken am Oberschenkel lange bestehen.

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Dieser Zwischenfall blieb aber nicht die einzige Action an diesem Tag. Dominik hat einen guten Riecher, was das Auftreten von Gewitter betrifft (oder er hatte einfach an diesem Tag zufällig den Wetterbericht gelesen). Es wurde nämlich eine 100 prozentige Gewitterwahrscheinlichkeit prognostiziert. Da wir am Abend an einem wunderschönen See vorbeifuhren und die Sonne uns wahrlich ins Gesicht lächelte, hatten wir sogar noch eine Diskussion, ob wir nicht doch campen sollten. Die Schlaf-Verhandlungen in Kurzform:

Berni: Es ist strahlend blauer, wolkenloser Himmel, da kann doch nicht jetzt einfach ein Gewitter kommen.

Domi: Doch, kann es.

Berni: Aber am See ist es so schön.

Domi: Trotzdem.

An diesem Abend war die nächste Stadt zu weit weg, um eine Unterkunft zu finden. Glücklicher Weise gab es am See ein Restaurant mit kleinen Holzhütten, die vermietet wurden. Wir checkten also vorsichtshalber ein. Als wir gegen 17 Uhr unsere Fahrräder auf der überdachten Terrasse in Sicherheit gebracht hatten, sahen wir eine dichte Wolkenfront auf uns zukommen, die nichts gutes verheißen sollte. Innerhalb kürzester Zeit zog ein Gewitter über uns hinweg, welches unser Zelt bestimmt den Erdboden gleich gemacht hätte. Es schossen erbsengroße Hagelkörner vom Himmel, der Wind pfeifte nur so um unsere Holzhütte und dieses Spektakel wurde von Donner und Blitzen begleitet. Wir waren heilfroh, nicht irgendwo draußen zu sein. Glücklicher Weise sollte es die letzte Gewitternacht für längere Zeit bleiben.

Die Türkei ist unter Radfahrern ein sehr beliebtes Land. Wir schmiedeten also Pläne, wohin wir die noch verbleibende Zeit radeln wollten. Da es sich zeitlich nicht ausgehen würde, alle unsere Ziele mit dem Fahrrad zu erreichen, stiegen wir in einen Nachtbus. Der nächste Halt hieß Göreme Nationalpark im Herzen der Türkei. Da der Bus nicht direkt dort hinfuhr, hatten wir noch ein paar Tage am Sattel vor uns. Die Gastfreudschaft der Türken war wahrlich beeindruckend. Als wir uns einaml am Wegrand zum Mittagessen hinsetzten, steckte uns eine ältere Frau frische Salatgurken aus ihrem Garten durch den Zaun. Sie reichten uns sogar noch Schwarztee über den Zaun und luden uns zu sich in den Garten ein. Wir wurden gleich mit Küsschen auf die Wangen begrüßt und umarmt. Eines ist uns aber besonders in Erinnerung geblieben – jeden Tag wurden wir von mehreren Türken auf Deutsch angesprochen, auch wenn wir durch noch so ein kleines Dorf radelten. Eines Tages saßen wir zum Mittagessenkochen am Straßenrand im Schatten eines Baumes. Ein älterer Mann kam auf uns zu und erzählte uns von seinem Beruf in einer Zeitungsdruckerei in Deutschland. Nun sei er in Pension. Er hüpfte vor uns aufgeregt auf und ab und freute sich, uns in seinem Land begrüßen zu dürfen. Er meinte wir sollen kurz warten, er hole etwas aus seinem Haus. Beim Weggehen rief er uns mehrmals freudig zu: „Ich bin auch Deutscher, ich bin auch Deutscher!“. Als er zurückkam schenkte er uns einen Sack voll saftiger Mirabellen aus seinem Garten. Er meinte, wir brauchen den Zucker mehr als er, und rieb sich seinen rundlichen Bauch.

Wir hörten also täglich Geschichten von Menschen, welche uns auf perfektem Deutsch erklärten, was sie in Deutschland arbeiten oder gearbeitet hatten. Viele kamen nun in den Sommerferien auf Urlaub in die Türkei. Wir wurden viele viele Male auf Tee eingeladen. Hätten wir jedes Mal angenommen, wären wir bestimmt noch nicht in Griechenland angekommen. Aber wir haben es doch noch zeitgerecht nach Göreme geschafft und waren fasziniert von dieser Gegend. Hier waren viel Häuser in Felsen gebaut. Wir besichtigten auch eine unterirdische Stadt, die ein alter Mann vor vielen Jahren beim Umgraben in seinem Garten entdeckt hatte. Ein weiteres Spektaktel: Jeden morgen zum Sonnenaufgang starteten eine Vielzahl an Heißluftballons. Wir haben sie gezählt – an einem Morgen waren es mehr als 120 Stück!

Unser nächster Stop war Istanbul. Dominik legte sich so richtig ins Zeug und stellte eine eigene Stadtbesichtigungstour – exklusiv für Radfahrer – zusammen (das Pendant zu den Besichtigungstouren in Hop-on Hop-off Bussen) 😉 Dank den „Trimmel-Bicycle-Tours“, wie wir die Tour nannten, konnten wir viele berühmte Bauwerke, Moscheen und Museen besichtigen.

Viele hatten uns vor dem Stadtverkehr in Istanbul gewarnt und gemeint, wir sollten einen Bus aus der Stadt hinaus nehmen. Wir dachten uns, kann es wirklich schlimmer sein als zur Rush-Hour in einer indischen Großstadt zu fahren? – Das hatten wir schon, also „nein“. Daher fuhren wir mit den Fahrrädern aus der Stadt hinaus und lernten auf dieser Fahrt die deutsche Radreisende Carmen kennen. Wir verstanden uns auf anhieb sehr gut und beschlossen, außerhalb von Istanbul gemeinsam an einem Strand zu campen. An diesem Abend gesellten sich zwei ältere Fischer zu uns, wovon einer wieder sehr gut deutsch sprach. Er erzählte uns seine Lebensgeschichte. Als Jugendlicher wäre er nach Deutschland gekommen und habe dort die Schule abgeschlossen. Mit leuchtenden Augen erzählte er uns von seiner großen Liebe Beate, welche er dort kennengelert hatte. Er liebe sie immer noch, obwohl er sie schon 35 Jahren nicht mehr gesehen habe. Er musste als junger Erwachsener zurück in die Türkei, und kann es sich nicht mehr leisten nach Deutschland zurück zu gehen. Er ließt noch immer deutsche Bücher, um die Sprache nicht zu verlernen. Wir lauschten seiner Liebesgeschichte und spürten seine Trauer. Er sagte einen Satz, über den wir lange nachdenken mussten: „Die Türken lieben die Deutschen, aber die Deutschen lieben die Türken nicht“.

Uns wurde bewusst, wieviele Menschen sich ein Leben wie wir es haben wünschen. Wie gerne viele Menschen all die Chancen und Freiheiten genießen würden, die wir in unseren Westeuropäischen Ländern haben.

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Am Folgetag trennten sich unsere Wege mit deren von Carmen. Sie würde nach Bulgarien weiterradeln, und wir nach Griechenland.

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