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Italien, Österreich und ein Wort zum Schluss

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Hoppla, da fehlt ja noch was… Genau, unsere letzte Etappe! Wie konnte das passieren? Tja, wir sind seit Mitte September wieder zuhause, aber ab dann ist alles wirklich sehr schnell gegangen. Wohnung suchen, der Arbeitsbeginn für uns beide, bürokratische Dinge usw. Manchmal fühlt es sich an wie ein Traum – haben wir das wirklich alles erlebt? Aber jetzt nochmal zurück in den Sommer, und zurück zu unserer letzten Etappe von Italien nachhause.

Die Fähre von Griechenland nach Italien legte mitten in der Nacht in der Nähe von Venedig an. Wir gingen müde an Land und schlugen unser Zelt nahe einer Nebenstraße auf. Am frühen Morgen starteten wir dann unseren Sightseeing-Tag in dem wirklich verträumt-schönen Städtchen Venedig. Eigentlich wollten wir nur einen kurzen Besuch abstatten, doch dann (nach einigen viel zu teuren Kaffees und Pizzastücken – ja, der Preisschock in Europa hatte uns noch nicht losgelassen) wurde es doch 16 Uhr, als wir wieder ans Festland gingen und weiterfuhren. Am Folgetag wollten wir schon in Arco am Gardasee sein, da würden wir Dominiks Geschwister treffen. Bis dort hin würden es aber über 200 km sein, daher wollten wir die letzten Abendstunden nutzen, um nochmal „g’scheit“ Meter zu machen. Was soll man sagen, falsch gedacht… Die Pizza dürfte Berni nicht so wohl bekommen haben, jedenfalls wurde nichts aus geschwind Meter machen, denn wir mussten eine lange Pause im Gebüsch einlegen… Man ist also auch in Europa nicht vor lästigen Magen-Darm-Geschichten gefeit. 😀

Der Folgetag sollte der Längste unserer Reise werden. Bis Arco mussten wir noch 180 km zurücklegen. Daher radelten wir früh los. Leider hatte uns zu dieser Zeit der Sommer schon weitestgehend verlassen. Waren wir in Griechenland ununterbrochen am Schwitzen, begrüßte uns der Norden Italiens mit Regen und grauem Himmel. Wir fetzten also durch – 60 km am Stück, kurze Frühstückspause, 60 km, kurze Pause, 60 km und voila, wir waren in Arco! Aber ganz so einfach ging es dann auch nicht… Gerade auf der letzten Etappe unserer Reise platzte Bernis Hinterreifen… Der erste platte Reifen auf der gesamten Reise! (Domi hatte bereits 15 Platte, Berni bis dahin keinen einzigen!). Um das zu vertuschen pumpten wir den Reifen einfach wieder auf und fuhren weiter, vielleicht würde es schon gehen? Aber leider nein, nach wenigen Metern mussten wir uns eingestehen, dass wir doch den platten Reifen flicken mussten. 😉

In Arco angekommen gönnten wir uns als erstes gleich mal ein Eis. Dann gab es noch Besuch von Bernis Hebammenkollegin Hannah aus Tirol, wo wir am Campingplatz auf ein Bier eingeladen wurden (das uns gleich in den Kopf stieg, da wir ja das gesamte Jahr kaum Aklohol getrunken hatten). Und dann endlich – trafen wir Georg, Markus und Nicole! Es war für uns wie ein erstes Heimkommen. Am Weg zum Treffpunkt waren wir so nervös und aufgeregt wie schon lange nicht mehr. Wir verbrachten eine abenteuerliche Woche gemeinsam mit Ausflügen, Klettern und unserem Highlight: dem Aquapark mit steilen Rutschen (Einlaufgefahr inklusive…) 😀

Nach diesem Besuch war es für uns besonder schwer weiterzufahren, da jetzt doch das Heimweh immer stärker zu spüren war. Und außerdem konnten wir uns von Arco nicht so recht trennen. Wir waren gerade zu der Zeit in Arco, als die Youth World Champion Ship im Klettern stattfand. Leider waren alle Unterkünfte (die wir uns leisten hätten können) ausgebucht, also fuhren wir jeden Abend etwas vom Ortskern hinaus und schliefen bei einer einsamen Kapelle im Wald. Dank einem Felsvorsprung waren wir auch vorm Regen geschützt. Die Temperaturen erlaubten es uns ohne Zelt zu schlafen, so konnten wir jeden Abend die Sterne beobachten oder Kletterern zusehen, die nachts noch mit Scheinwerfer ihre Wege durch die Routen in der Wand suchten. Jeden Morgen fuhren wir dann wieder in die Innenstadt, um der Weltspitze der jungen Kletterer zuzusehen (viele Kletterer aus dem asiatischen Raum waren besonders stark, daher können wir die Japanische Hymne nun auch auswendig 😀 ).

Nach etlichen Tagen mussten wir dann doch weiterziehen. Wir radelten Richtung Brixen, Sterzing und dann hoch hinauf auf den Brenner. Südtirol war eine einzige Augenweide – es schien, als gäbe es hier einen unausgesprochenen Machtkampf, wer die prunkvollsten Balkonblumen züchten könne.Generell war unsere Zeit auf den letzten Kilometer in Südtirol besonders schön: es gab Trinkwasser entlang der wirklich tip top ausgebauten Radwege, Radfahrerraststätten und alle Leute redeten mit diesem unglaublich herzigen Dialekt. Selbst wenn Mütter ihre Kinder schimpften hatte man das Gefühl, man möchte diese Leute gern umarmen weil sie so entzückend sprachen (so beispielsweise in einer von uns mitverfolgten Szene in einem Kaufhaus. Die Mutter zum Kind: „Iaz wiasch ja wohl amol folgen du kloana Lausabengl“). 😀 Es war auch recht amüsant, wenn wir andere Radfahrer trafen und gefragt wurden, wo wir den herkommen. Mit der Antwort „Eigentlich sind wir jetzt von Indien heimgefahren“ hat keiner sorecht gerechnet.

Die letzt Nacht in Italien schliefen wir in einem kleinen Unterstand kurz vorm Brenner-Pass. Wir badeten in einem kalten Gebirgsbach und kochten uns Fertigsuppe (wie schon öfters betont, wir konnten Reis und Gemüse einfach  nicht mehr ertragen, und die Fertiggerichte waren eine willkommene und schnell zubereitete Abwechslung). Als wir am Folgetag am Brenner ankamen, kam uns der Anstieg kaum der Rede wert vor, nach all den Strapazen im tadschikischen Gebirge. Aber es war ein besonderer Moment, auf den wir ein Jahr lang zugefahren sind, auch wenn etliche Umwege mit dabei waren. Ein kleiner Grenzstein markierte die Grenze zwischen Italien und Österreich, und schon fetzten wir die Abfahrt Richtung Innsbruck hinunter. Dort angekommen mussten wir eine Entscheidung treffen. Dominiks Mutter würde in 2 Tagen in den Urlaub fahren und erst in 14 Tagen wieder kommen, dies haben wir zuvor nicht gewusst. Eigentlich wollten wir unsere Familien mit der früheren Ankunft überraschen, doch der Gedanke daran, dass wir Domis Mutter um einen Tag verpassen würden, ließ uns keine Ruhe. Also stiegen wir in Innsbruck in den Zug, um unsere Heimfahrt um einen Tag zu verkürzen. In Salzburg angekommen erwartete uns schon unsere langjährige Freundin Sonja mit einem Willkommensschild und wir mussten die ersten Tränchen verdrücken (okay, Berni musst ein paar Tränchen verdrücken 😀 ). Wir aßen einen Falaffelkebab beim Aganigi Naganigi im Stadtzentrum (so, wie wir es uns schon in Kasachstan ausgemalt hatten) und fuhren dann zu Sonja, wo wir die Nacht verbringen konnten. Am frühen Morgen ging es dann weiter nach Linz, entlang schöner Radwege und Seen. In Linz konnten wir bei Bernis Freundin Marlies schlafen, die ein tolles Abendessen für uns gekocht hatte. Wir sind also am Weg schon mehrmals „Heimgekommen“, und das war ein schönes Gefühl. Apropos Gefühle: Diese waren am Heimweg durchaus auch gemischt. Hatten wir nun ein Jahr im Zelt hinter uns, so war der Gedanke an ein Bett durchaus auch etwas ungewohnt. Oder wie würde es sein wieder voll im Alltag zu leben? Unsere Schweizer Fahrradfreundin Andrea hatte diesbezüglich einmal etwas kluges gesagt: Zuhause beginnt einfach ein neuer Teil der Reise.

Von Linz aus ging es dann direkt nach Wieselburg, zu Dominiks Mutter. Diese hatte schon Wind von unserer Rückkehr bekommen, der Zeitpunkt der Ankunft war aber noch unklar. So stand sie nichts ahnend im Garten und pflückte Tomaten, als wir unsere treuen Fahrräder vorm Haus parkten. Die Überraschung war groß, und wir freuten uns auf diesen Abend mit gutem Essen und vielen Geschichten von zuhause.

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Am letzten Tag unserer Reise passierte etwas, das uns auf der gesamten Reise nicht passiert war: wir hatten uns im Abschnitt zwischen Wieselburg und Gresten komplett verfahren. Als wir durch Wieselburg fuhren glaubten wir zu wissen, einen kleinen Fahrradweg nach Randegg nehmen zu können. Als wir durch kleine Orte kamen, etliche Hügel rauf und wieder runter, meine Dominik: Seit wann gibt es hier einen Hofer? Naja, wir waren in Purgstall gelandet, wo wir doch eigentlich in Randegg noch Bernis Großeltern und Verwandte besuchen wollten. 😀 Wie uns das passieren konnte, ist uns bis heute ein Rätsel.

So fuhren wir das letzte Stück über Feichsen und Reinsberg nach Gresten. Und dann waren wir plötzlich da, schneller als erwartet. Unsere Freunde Tobi und Leonie kamen uns schon mit den Fahrrädern entgegen, was für eine Freude die beiden wieder zu sehen! Gemeinsam fuhren wir die letzten Meter nachhause, wo schon unsere Familie auf uns wartete. Einen kleinen Gag mussten wir uns aber auch noch leisten. Da in Bernis Familie schon gemunkelt wurde, ob nicht eine etwaige Schwangerschaft der Grund der verfrühten Heimreise sein könnte, stopfte sich Berni den Bauch unter der Jacke aus, ein verspäteter Aprilscherz eben. Die Augen von Mutter Veronika wurden recht groß als wir von den Fahrrädern abstiegen, sie sagte aber kein Wort. Erst als die anderen den Scherz erkannten, gab es ein erleichtertes Aufatmen 😀

So endete also unser Abenteuer. Heute denken wir oft zurück an den Anfang, als wir uns fragten, wie wohl alles werden würde. Werden wir immer gute Schlafplätze finden? Werden wir immer genug zu essen haben? Oft denken wir an die Szene der ersten Tage in Indien zurück, als Dominik gleich zu Beginn von einem schlimmen Magen-Darm-Infekt heimgesucht wurde und uns eine alte Indische Oma warmherzig umarmte, mit dem Gefühl, dass alles gut werden würde. Bei all den Schrecklichkeiten die auf der Welt so passieren mögen wurde uns doch das Gefühl vermittelt, dass überall Mütter, Väter, Großeltern wohnen, die sich um ihre Kinder sorgen und kümmern, und so auch in weiterer Folge um uns. Man muss bestimmt auf so einem Trip einiges in Kauf nehmen, man bekommt aber auch unendlich viel zurück.

Worauf wir uns auf der Reise definitiv am meisten gefreut hatte war das gute Essen zuhause, die große Auswahl an allem was man so in den Supermarktregalen findet und Leitungswasser, dass man auch tatsächlich trinken kann. Wir sahen die Häuser zuhause und die Infrastruktur nun auch etwas mit anderen Augen. Könnte ein Bergdorfbewohner aus Tadschikistan unsere Häuser hier sehen müsste er denken, wir sind alle steinreich. Dieser Lebensstandard den wir hier haben ist keine Selbstverständlichkeit, und das wird einem auf so einer Reise unmittelbar bewusst. Die meist übermäßigen Regelungen in unserem System werden oft als nervig empfunden, wobei wir diese sehr zu schätzen gelernt haben. Dies beginnt bei „A“ wie „Abgaswerte einhalten müssen“, und endet bei „Z“ wie „Zukunftsperspektiven durch Bildung erhalten“.

Wir bedanken und bei allen, die uns auf unserer Reise unterstützt haben, und auch bei jenen, die unseren Blog so aufmerksam verfolgt haben. Wir hoffen, wir konnten ein authentisches Bild solch einer Reise vermitteln, und wer weiß, vielleicht gibt es irgendwann eine Fortsetzung … 🙂

Griechenland

Sommer, Sonne, Sonnenschein

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Wieder veränderten sich merklich Kultur und Menschen. Wir wurden früh morgens nicht mehr vom Muezzin geweckt, sondern von Kirchenglocken oder dem Rauschen des Meeres.

Wir wählten eine Route entlang der Küste, welche es uns möglich machte, jeden Tag am Meer zu campen. Ehrlich gesagt hätten wir bei dieser Hitze ohne der Aussicht auf eine Abkühlung im Meer bestimmt nicht so durchgehalten, wie wir es haben. Die Temperaturen glichen einem Backofen, der auf Umluft eingeschaltet war. Immer wieder peitschte uns die heiße Luft ins Gesicht, während man sich Kilometer für Kilometer weiter fortbewegte. Wir waren so braun wie noch nie zuvor auf der Reise und hatten den größten Sonnencreme Verbrauch denn je. Denn seit wir Griechenland betreten haben, haben wir eine Mission: eine gleichmäßige Radlerbräune aufzubauen 😉 Warum dies so ist? Ganz einfach: Als wir die ersten Kilometer in Griechenland geradelt sind, kamen uns drei super gebräunte Radfahrer entgegen.

Als sie weg waren meinte Domi: „Soll ich auch oben ohne fahren? Dann wird meine weiße Hendlbrust vielleicht auch noch so braun“.

Darauf Berni: „Ja sicher. Glaubst du, ist es okay wenn ich auch im Bikinioberteil fahre zwecks Bräune?“

Kurze Nachdenkpause. Dann darauf Domi: „Ja sicher, immerhin sind wir jetzt in der EU“.

Apropos EU. Beim Grenzübertritt stießen wir mit Eiskaffee und Fruchtsaft an. Wir waren nun wieder in der EU. Vor fast einem Jahr sind wir von Indien aus aufgebrochen, nun sind wir schon wieder im Euroraum. Und den erste Preisschock bekamen wir auch gleich. In dem kleinen Lokal bei der Grenze zahlten wir für Eiskaffee und Fruchtsaft soviel wie in Tadschikistan für ein ganzes Mittagessen mit Tee und Kaffee obendrein. Trotzdem wurden wir etwas sentimental und mussten sogar ein paar Tränchen verdrücken. Okay, nur Berni vergoss ein paar Tränen, aber wir waren beide gerührt – Österreich war jetzt schon so nahe! Und wo wir schon beim Essen sind – wie Sie, liebe Leserinnen und Leser dieses Blogs vielleicht schon mitbekommen haben, ist das Essen ein zentrales Thema unter uns Radfahrern. Wie schon im letzten Eintrag beschrieben, konnten wir nach so langer Zeit unseren Campingkocher-Klassiker „Reis mit Gemüse“ kaum mehr sehen. In Griechenland switchten wir dann zu einer Ernährung, die aus Müsli mit Milch und Obst bestand – dies war auch der Hitze geschuldet, die die Lust auf warmes Essen fast gänzlich zu nichte machte. Da wir die Milch am Fahrrad nicht kühlen konnten, verspeisten wir unsere Mahlzeit immer gleich vorm Supermarkt.

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Wir wurden von der Schönheit Griechenlands in den Bann gezogen – blitzblaues Wasser, saubere Strände und Campingmöglichkeiten soweit das Auge reicht. Mussten wir im extrem dicht besiedelten Südostasien bereits am frühen Nachmittag nach geeigneten Campingmöglichkeiten Ausschau halten, so gab es hier so viele Möglichkeiten zum Zelten. Wir erfanden eine neue Konstruktion, um das luftigere Innenzelt zwischen unseren Fahrrädern aufzustellen – die Strandversion unseres Zeltes eben 😉

In Griechenland lernten wir aber auch die Seiten abseits der unbeschwerten Touristenhotspots kennen. Kilometerlange, leerstehende Gewerbeparks. Teils sehr modern wirkende Fabriken, Geschäfte und Lagerhallen – alle verlassen. Dies ist auch das Besondere am Radreisen, man kommt nicht nur in große Städte, sondern erlebt auch hautnah die Situation an entlegeneren Orten. Wie in jedem von uns bereisten Land versuchten wir uns über die politische Situation und die Geschichte zu informieren. Wir lasen daher viel über die Wirtschaftskrise, welche noch immer in diesem Land stark zu spüren ist. Eines Abends trafen wir an einem kleinen Strand ein junges griechisches Pärchen. Der Mann sprach uns auf Deutsch an. Wir kamen ins Gespräch und er erzählte uns, dass er vor zwei Jahren nach Deutschland gegangen sei. Er betreibe dort nun mit Verwandten ein Restaurant mit deutschen und griechischen Speisen. Es dauerte eine Weile, bis wir uns trauten die Fage zu stellen, ob er aufgrund der Wirtschaftskrise gegangen sei. Er erklärte uns, dass er hier keine Perspektive hatte. Es gibt sehr wenig Arbeit, die meisten arbeiten hier für den Mindestlohn, welcher rund 300€ beträgt. Seit der Krise gibt es keine staatlich geregelte Krankenversicherung mehr. Seine Freundin sieht er nur jetzt im Urlaub. Sie hat bereits ein Kind, findet aber keine Arbeit. Das Kindergeld beträgt lediglich 70€ im Monat. Es gehe ihm nun in Deutschland finanziell besser, er vermisse aber das Meer und seine Heimat Griechenland sehr. Dieser Betrag ging uns nicht mehr aus dem Kopf… 300€ Lohn, wobei die Lebensmittel gleich viel kosten wie bei uns. Wir tauschten unsere Kontakte aus und vereinbarten, mit dem Fahrrad einmal eine Tour zu ihm in sein Restaurant in Bayern zu machen.

Nach dieser Begegnung am Strand lernten wir noch einen argentinischen Radreisenden kennen. Sein Reiserad war ein richtiger Hingucker, denn er fuhr ein Klapprad. Wir konnten uns so gut wie nicht verständigen, doch wie fast immer verstanden wir auch ohne Worte, was gemeint war. Wir campierten eine Nacht gemeinsam auf einem Spielplatz, bevor unser argentinischer Kollege am nächsten Morgen mit dem Zug weiterfuhr (Klapprad sei Dank 😉 ).

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Nach fast zwei Woche radeln und zelten am Meer sollte unsere Route ins Landesinnere führen. Immerhin mussten wir in die Hafenstadt Patras im Osten des Landes, um unsere Fähre nach Italien zu erwischen. Bereits am ersten Tag vernab vom Meer wurde uns klar: so geht das nicht. Wenn man permantent schwitzt und schon die Salzränder an der Kleidung sieht, sich obendrein wie ein Essiggurkerl fühlt weil die Haut selbst vom Schwitzen so salzig ist, dann muss man sich eingestehen, dass Radfahren in dieser Hitze OHNE Aussicht auf ein kühles Bad im Meer nicht besonders spaßig ist. Wir suchten nach einer Lösung für unser Problem. Und schon war die Idee geboren einen Zug nach Athen zu nehmen, um dann erneut die Küste im Süden entlang nach Patras zu fahren. Wir waren zuerst etwas skeptisch, sollten wir es nicht einfach durchziehen ein paar Tage ohne Wohlfühlfaktor Baden auszukommen? Aber dann stellten wir uns auch die Frage „Wie schnell kommen wir überhaupt wieder in die Gelegenheit, diese kulturell sehr beeindruckende Stadt Athen zu besichtigen?“ Mal ganz davon abgesehen, dass wir dann wieder an einer Küste entlang fahren könnten 😉 Als dann Dominik permanent sein selbst erfundenes Lied mit dem sich immer wieder wiederholenden Text „Athen, Athen, Athen – Athen musst du sehn’“ sang, und somit alle Zweifel bereinigte, stiegen wir in den Zug und besichtigten die Hauptstadt. 🙂

Und dann ging alles sehr schnell. Nach unseren zur Routine gewordenen Tagesabläufen – Baden im Meer, Frühstücken, Radfahren, Baden und Schlafen gehen – waren wir plötzlich in Patras angekommen. Obwohl wir für diese Fähre gleich viel bezahlt hatten wie für die Fähre übers Kaspische Meer, war diese Fähre hier nach Italien schon eine ganz andere Liga. Auf dem Deck gab es zwei Swimmingpools und ein Restaurant – also nicht zu vergleichen mit unserer ersten Fährenerfahrung.Wir haben die günstigste Variante gewählt und schliefen auf dem Deck des Schiffes auf Strandliegestühlen ohne Dach über dem Kopf. Daher war es nachts empfindlich kalt und der Wind pfiff uns gewaltig um die Ohren. Aber auch das war schnell vergessen, denn nach knapp 2 Nächten gingen wir in Venedig an Land, und nun sollte der letzte Teil unserer Reise anbrechen.

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Türkei

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Bei der Einreise in die Türkei fielen uns sofort die tollen, breit ausgebauten Asphaltstraßen auf. Diese waren obendrein auch noch radfahrerfreundlich – mit einem gut markierten breiten Streifen exklusiv für uns Menschen auf Drahteseln. Viele Türken hupten und winkten uns aufmunternd zu, als wir schwitzend den ersten Berg nach dem Grenzübergang hochradelten. Abgesehen von diesen vielen schönen Begegnungen erlebten wir auch noch etwas anderes… Dieser Tag würde für uns in die Reisegeschichte eingehen als der Tag, an dem Berni einen „Hundfall“ (= Hund+Unfall) erleiden würde. Wie ist es also dazu gekommen? Wir fuhren nichts ahnend eine Landstraße entlang, als wir plötzlich lautes Hundegebell von einem Fabrikgelände her hörten. Schon fetzte ein groß ausgewachsener Hund auf uns zu. Er näherte sich in Windeseile, bellte aggressiv und machte nicht den Eindruck, also ob er nur auf ein Leckerlie zu uns verbeikommen wollte. Obwohl wir in solchen Fällen normalerweise anders handeln (also stehen bleiben und das Fahrrad schieben, da das Treten in die Pedale die meisten Hunde nur noch aggressiver macht), radelten wir so schnell wir konnten die Straße weiter. Der Hund kam immer näher, bellte laut und fletschte seine Zähne – wir traten fester in die Pedale und heizten unbeabsichtigt die Hetzjagd nur noch mehr an. Als Berni den Atem des Hundes schon förmlich an ihrer Wade spüren konnte, rutschte sie halb vom Sattel herunter und befand sich nun in einer Art Damensitz. Diese Sitzposition währte nicht lange, denn dann kam plötzlich ein Straßenschild ziemlich nahe… zu nahe… Kurz gesagt, die Hetzjagd endete damit, dass Berni frontal in ein Straßenschild bretterte, und im Straßengraben samt Fahrrad zu liegen kam. Da war auf einmal auch der Hund sprachlos und still. Er schaute etwas ratlos – hatte sich seine Beute wie es aussah einfach selbst erlegt. Nach „getaner Arbeit“ zog der Hund also ab und ließ uns beide zurück. Fahrrad und Fahrerin waren glücklicher Weise wohl auf, doch ein blauer Fleck blieb als Andenken am Oberschenkel lange bestehen.

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Dieser Zwischenfall blieb aber nicht die einzige Action an diesem Tag. Dominik hat einen guten Riecher, was das Auftreten von Gewitter betrifft (oder er hatte einfach an diesem Tag zufällig den Wetterbericht gelesen). Es wurde nämlich eine 100 prozentige Gewitterwahrscheinlichkeit prognostiziert. Da wir am Abend an einem wunderschönen See vorbeifuhren und die Sonne uns wahrlich ins Gesicht lächelte, hatten wir sogar noch eine Diskussion, ob wir nicht doch campen sollten. Die Schlaf-Verhandlungen in Kurzform:

Berni: Es ist strahlend blauer, wolkenloser Himmel, da kann doch nicht jetzt einfach ein Gewitter kommen.

Domi: Doch, kann es.

Berni: Aber am See ist es so schön.

Domi: Trotzdem.

An diesem Abend war die nächste Stadt zu weit weg, um eine Unterkunft zu finden. Glücklicher Weise gab es am See ein Restaurant mit kleinen Holzhütten, die vermietet wurden. Wir checkten also vorsichtshalber ein. Als wir gegen 17 Uhr unsere Fahrräder auf der überdachten Terrasse in Sicherheit gebracht hatten, sahen wir eine dichte Wolkenfront auf uns zukommen, die nichts gutes verheißen sollte. Innerhalb kürzester Zeit zog ein Gewitter über uns hinweg, welches unser Zelt bestimmt den Erdboden gleich gemacht hätte. Es schossen erbsengroße Hagelkörner vom Himmel, der Wind pfeifte nur so um unsere Holzhütte und dieses Spektakel wurde von Donner und Blitzen begleitet. Wir waren heilfroh, nicht irgendwo draußen zu sein. Glücklicher Weise sollte es die letzte Gewitternacht für längere Zeit bleiben.

Die Türkei ist unter Radfahrern ein sehr beliebtes Land. Wir schmiedeten also Pläne, wohin wir die noch verbleibende Zeit radeln wollten. Da es sich zeitlich nicht ausgehen würde, alle unsere Ziele mit dem Fahrrad zu erreichen, stiegen wir in einen Nachtbus. Der nächste Halt hieß Göreme Nationalpark im Herzen der Türkei. Da der Bus nicht direkt dort hinfuhr, hatten wir noch ein paar Tage am Sattel vor uns. Die Gastfreudschaft der Türken war wahrlich beeindruckend. Als wir uns einaml am Wegrand zum Mittagessen hinsetzten, steckte uns eine ältere Frau frische Salatgurken aus ihrem Garten durch den Zaun. Sie reichten uns sogar noch Schwarztee über den Zaun und luden uns zu sich in den Garten ein. Wir wurden gleich mit Küsschen auf die Wangen begrüßt und umarmt. Eines ist uns aber besonders in Erinnerung geblieben – jeden Tag wurden wir von mehreren Türken auf Deutsch angesprochen, auch wenn wir durch noch so ein kleines Dorf radelten. Eines Tages saßen wir zum Mittagessenkochen am Straßenrand im Schatten eines Baumes. Ein älterer Mann kam auf uns zu und erzählte uns von seinem Beruf in einer Zeitungsdruckerei in Deutschland. Nun sei er in Pension. Er hüpfte vor uns aufgeregt auf und ab und freute sich, uns in seinem Land begrüßen zu dürfen. Er meinte wir sollen kurz warten, er hole etwas aus seinem Haus. Beim Weggehen rief er uns mehrmals freudig zu: „Ich bin auch Deutscher, ich bin auch Deutscher!“. Als er zurückkam schenkte er uns einen Sack voll saftiger Mirabellen aus seinem Garten. Er meinte, wir brauchen den Zucker mehr als er, und rieb sich seinen rundlichen Bauch.

Wir hörten also täglich Geschichten von Menschen, welche uns auf perfektem Deutsch erklärten, was sie in Deutschland arbeiten oder gearbeitet hatten. Viele kamen nun in den Sommerferien auf Urlaub in die Türkei. Wir wurden viele viele Male auf Tee eingeladen. Hätten wir jedes Mal angenommen, wären wir bestimmt noch nicht in Griechenland angekommen. Aber wir haben es doch noch zeitgerecht nach Göreme geschafft und waren fasziniert von dieser Gegend. Hier waren viel Häuser in Felsen gebaut. Wir besichtigten auch eine unterirdische Stadt, die ein alter Mann vor vielen Jahren beim Umgraben in seinem Garten entdeckt hatte. Ein weiteres Spektaktel: Jeden morgen zum Sonnenaufgang starteten eine Vielzahl an Heißluftballons. Wir haben sie gezählt – an einem Morgen waren es mehr als 120 Stück!

Unser nächster Stop war Istanbul. Dominik legte sich so richtig ins Zeug und stellte eine eigene Stadtbesichtigungstour – exklusiv für Radfahrer – zusammen (das Pendant zu den Besichtigungstouren in Hop-on Hop-off Bussen) 😉 Dank den „Trimmel-Bicycle-Tours“, wie wir die Tour nannten, konnten wir viele berühmte Bauwerke, Moscheen und Museen besichtigen.

Viele hatten uns vor dem Stadtverkehr in Istanbul gewarnt und gemeint, wir sollten einen Bus aus der Stadt hinaus nehmen. Wir dachten uns, kann es wirklich schlimmer sein als zur Rush-Hour in einer indischen Großstadt zu fahren? – Das hatten wir schon, also „nein“. Daher fuhren wir mit den Fahrrädern aus der Stadt hinaus und lernten auf dieser Fahrt die deutsche Radreisende Carmen kennen. Wir verstanden uns auf anhieb sehr gut und beschlossen, außerhalb von Istanbul gemeinsam an einem Strand zu campen. An diesem Abend gesellten sich zwei ältere Fischer zu uns, wovon einer wieder sehr gut deutsch sprach. Er erzählte uns seine Lebensgeschichte. Als Jugendlicher wäre er nach Deutschland gekommen und habe dort die Schule abgeschlossen. Mit leuchtenden Augen erzählte er uns von seiner großen Liebe Beate, welche er dort kennengelert hatte. Er liebe sie immer noch, obwohl er sie schon 35 Jahren nicht mehr gesehen habe. Er musste als junger Erwachsener zurück in die Türkei, und kann es sich nicht mehr leisten nach Deutschland zurück zu gehen. Er ließt noch immer deutsche Bücher, um die Sprache nicht zu verlernen. Wir lauschten seiner Liebesgeschichte und spürten seine Trauer. Er sagte einen Satz, über den wir lange nachdenken mussten: „Die Türken lieben die Deutschen, aber die Deutschen lieben die Türken nicht“.

Uns wurde bewusst, wieviele Menschen sich ein Leben wie wir es haben wünschen. Wie gerne viele Menschen all die Chancen und Freiheiten genießen würden, die wir in unseren Westeuropäischen Ländern haben.

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Am Folgetag trennten sich unsere Wege mit deren von Carmen. Sie würde nach Bulgarien weiterradeln, und wir nach Griechenland.

Georgien

Feels like home…

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Unsere erste Nacht in Georgien verlief leider alles andere als gemütlich. Diese mal waren es zwar nicht irgendwelche Fake-Polizisten wie in Aserbaidschan, die uns wach hielten, sonden erneut ein starkes Gewitter. Da es schon mitten in der Nacht war und wir auch sonst nirgends hin konnten, befolgten wir Domis Trick und zogen uns den Schlafsack übers Gesicht. So verfielen wir nicht jedes mal in Angst, wenn alle paar Minuten die Blitze das Zelt mit grellem Licht erleuchteten. Leider konnten wir das laute Prasseln des Regens und den Donner nicht so leicht „ausschalten“…

Doch auch dieses Gewitter ging vorbei und wir radelten am Folgetag in die Hauptstadt Tiflis ein. Was sollen wir sagen, diese Stadt ließ wahrlich Urlaubsfeeling aufkommen – ebenso fühlte sich nun alles sehr vertraut an. Die Stadt erinnerte uns an Urlaubsorte in Italien oder Kroatien – kleine gepflasterte Gassen, gemütliche Kaffees und schöne historische Bauten. Als wir den ersten Supermarkt der Kette „Spar“ entdeckten, merkten wir endgültig, dass es nicht mehr weit ist bis nachhause 😉 Wir gönnten unseren Fahrrädern (und dem durch die Gewitter der letzten Nächte geplagtem Zelt) eine Pause und besichtigten die Stadt. Man muss ehrlich sagen, nach fast einem Jahr Campingkocher-Essen ist es für uns immer ein Highlight (auf das wir lange hinfiebern!) bei unseren Städteaufenthalten in Restaurants zu essen. Wir haben bereits unzählige, sich abwechselnde Varianten von Gemüse mit Reis oder Gemüse mit Nudeln gekocht, dass wir es langsam aber sicher kaum mehr sehen können. Wir könnten beim Kochen durchaus wieder etwas kreativer werden (was wir am Anfang der Reise auch waren), doch nach einem langen Tag am Rad hat man einfach Hunger und will möglichst schnell den Bauch voll bekommen 😉

Unser Zwischenstop in Tiflis verging gefühlt viel zu schnell, doch nun galt es, das Innland zu entdecken. Wir wählten eine Route abseits der großen Hauptstraße und flüchteten aus der Hitze der Hauptstadt in das Hochland Georgiens. Und mit Hochland geht auch einher, dass wir etliche schweißtreibende Stunden bergauf unterwegs waren. Aber all dies lohnte sich, denn die Nächte waren angenehm kühl. Wir entdeckten auch eine kleine traditionelle Bäckerei und konnten hinter die Kulissen blicken. Trotz sprachlicher Barrieren erklärte uns der Bäcker, dass er seine Fladenbrote in einem Holzofen bäckt, indem er den Teig an die Wand des runden Ofens klatscht. Wir konnten nicht widerstehen und kauften gleich ein paar knusprige Brote ein.

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Ein weiterer Vorteil unserer Route in Georgien war, dass wir jeden Abend an einem See zelten konnten. Von den nächtlichen Gewittern blieben wir auch verschont, doch in der letzten Nacht in Georgien demonstrierte uns der Wettergott nochmal sein Können. Wir waren gerade beim Zubereiten unseres Abendessens, als uns vor lauter Blitz und Donner der Appetit wieder verging. Wir hatten Unterschlupf in einer kleinen offenen Hütte (mit Metallpfeilern) am Waldrand gefunden – also nicht „the place to be“ bei einem Gewitter, ganz im Gegenteil. Wir stellten dann unser Zelt im nahegelegenen Wald auf. Das Gewitter zog glücklicher Weise vorbei, doch da wir in einem sehr großen Waldgebiet waren, fernab eines Dorfes oder einer Stadt, drängte sich in uns die Frage auf, ob es hier nicht Bären geben könnte. Wir konnten diese Frage nicht sicher mit nein beantworten, woraufhin Domi einen sehr professionellen „Bären-Schutz-Plan“ ausheckte. Als ersten Schritt verstauten wir unser Essen weit oben in einem Baum. Sollte uns ein Bär im Zelt angreifen wollen, würden wir zuerst mit unserem Taschenalarm für Verwirrung sorgen (und hoffentlich nicht die Aggression des Bären anheizen). Zeitgleich muss man sich die Stirnlampe aufsetzen und das Handy (für etwaige Notrufe) einstecken. Anschließend führte der Fluchtweg aus dem Vordereingang des Zeltes hinaus zum nahegelegenen, mit Bedacht ausgesuchten Baum, auf den wir dann flüchten würden. Dominik konnte innerhalb von 2 Sekunden leichtfüßig in den Ästen des Baumes sitzen, in bärensicherem Territorium also (sollte es sich nicht um einen kletterbegabten Braunbären handeln…). Für Berni waren die ersten Äste jedoch zu hoch, um überhaupt in die „Bärenschutz-Zone“ am Baum zu gelangen. Doch auch hierfür fand Dominik eine Lösung: ein großer Stein wurde am Fuße des Baumes als Stockerl platziert. 😉 Dieser Plan hört sich jetzt vielleicht wie ein nicht ernst gemeinter Scherz an, doch an diesem Abend haben wir tatsächlich diesen „Bären-Schutz-Plan“ einmal für den Ernstfall durchgespielt – und Gott sein Dank blieb es diese Nacht auch nur beim Trockentraining.

Anmerkung: Beim Verfassen dieses Textes erklärte Dominik, also gut einem Monat nach dieser Nacht, dass er im Wald Spuren gesehen habe, die wie die Tatzen eines Bäres aussahen. Er habe es in jener Nacht nicht erzählt, um nicht noch mehr Angst zu schüren. Also war unser Schutzplan vielleicht tatsächlich berechtigt.

Usbekistan, Kasachstan, Aserbaidschan

Es kommt anders als geplant…

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Unsere letzten Tage in Tadschikistan waren geprägt von Routenplanung und Visumsbestimmungen auskundschaften. Kurz bevor wir Duschanbe, die Hauptstat von Tadschikistan, erreicht hatten, haben wir bereits unsere E-Visa für den Iran beantragt. Als wir dann in das Green House Hostel (ein beliebtes Radfahrer-Hostel) in Duschanbe eincheckten, erreichte uns die erschreckende Nachricht – Bernis Visumsantrag für den Iran wurde abgelehnt (wohingegen Dominik das Visum bekommen hätte). Grund der Ablehnung: Ein dreizeiliger Text auf Farsi… Na toll! Da wir beide mit der Übersetzung etwas überfordert waren, halfen uns andere Rad- und Motorradreisende, den Text zu entschlüsseln. Wir sollten das Visum erneut beantragen, aber dieses mal über eine Reiseagentur. Wir entschieden uns aus etlichen Gründen gegen einen erneuten Antrag: Über ein Reisebüro hätten wir zusätzliche Kosten zu tragen, ebenso müssten wir wieder knapp eine Woche auf den Bescheid warten. Auch die politische Situation war und bleibt aufgrund der Konflikte mit den USA angespannt und viele der schönen Fahrradstecken verlaufen durch Wüstenregionen, die nun durch die Hitze des Hochsommers kaum zu beradeln sind. Und wenn wir das Iranvisum erst in der Tasche hätten, wäre dann noch das Visum für Turkmenistan zu beantragen – das für alle Reisenden ein Mysterium ist. Man bekommt gegnerell nur ein Transitvisum für 5 Tage, und ob man es tatsächlich erhält, weiß niemand so genau. Manche munkeln, man darf auf dem Passbild keinen Bart tragen, andere vermuten, dass auf der Visabehörde zwei Menschen sitzen – ein fröhliches Mädchen, welche alle Anträge bestätigt, und ein alter grimmiger Mann, welcher alle im Papierkorb verschwinden lässt (so viel zu einer Verschwörungstheorie eines französischen Radfahrers, wessen Bescheid abgelehnt wurde). 🙂

Wir schmiedeten also einen Alternativplan – nämlich, mit der Fähre übers Kaspische Meer zu fahren. Gesagt – getan.

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In Duschanbe nahmen wir Abschied von unserer liebgewonnenen Fahrradkollegin Andrea aus der Schweiz. Die ersten Tage ohne ihr kamen uns doch etwas komsich vor, waren wir immerhin doch bereits gute drei Wochen zusammen am Pamir unterwegs gewesen.Wir vermissten vor allem ihre guten Tipps und Tricks bei Magen-Darm-Beschwerden, denn Dominik hatte es als „Grande Finale“ am letzten Tag in Tadschikistan nochmals erwischt… Somit legten wir eine dreitägige Pause ein. Der Hotelbesitzer brachte ihm ein paar dubiose Tabletten, von denen er drei nehmen sollte – „everything finish“ stellte er uns die schnellen Heilungschancen in Aussicht. Und tatsächlich, bald waren die bösen Geister endgültig im Klo hinuntergespült und wir radelten weiter nach Usbekistan.

Der Grenzübertritt ging schnell und unproblematisch von statten. Schon die letzten Tage hatte uns die Hitze ganzschön gefordert. Wir hatten Temperaturen um die 40 Grad, und im Flachland von Usbekistan spürten wir die Sonnenstrahlen besonders intensiv. Wir suchten uns also einen Zeltplatz am Fluss. Hier trafen wir auf etliche Dorfbewohner, welche mit ihren Kühen auf der Weide unterwegs waren. Am Abend kamen noch zwei junge Männer auf einem Pferd vorbei, welche zu unserer Überraschung (und im Gegensatz zu den anderen Dorfbewohnern) fließend Englisch sprachen. Dominik nahm gleich eine private Reitstunde und ritt „hoch zu Ross“ dem Sonnenuntergang zu. 😉

Wir besichtigten die kulturellen Hochburgen der Seidenstraße: Samarkand und Bukhara. Die wunderschönen Moscheen und Madressen waren wahrlich eine Augenweide. In Bukhara konnten wir über Couchsurfing in einer alten Karavanserei übernachten. Dort nächtigten noch drei weitere Radfahrer aus Frankreich. Wie immer wurde die Nacht fast zu kurz, da wir viele Infos über den Radfahreralltag auszutauschen hatten. Nach unserem Besuch in Bukhara entschieden wir uns, die Wüstenstrecke des Landes mit dem Zug zu überspringen. Die Hitze drückte schon so unerbittlich in diesem Teil des Landes, und von anderen Radfahrern hatten wir gehört, dass es Richtung Norden nach Kasachstan noch schlimmer werden soll. Wir freuten uns also über die Abwechslung und einmal auf den Schienenverkehr umzusteigen.

Ob wir durch diese Methode der Hitze wirklich entgangen sind, wagen wir zu bezweifeln. Im Zug vermissten wir umso mehr den kalten und frischen Wind des Pamir-Gebirges. Man könnte sagen, so fühlt man sich, wenn man als Tiefkühlpommes aus dem Gefrierschrank direkt in die Fritteuse wandert. Wir fuhren mit einem alten russischen Zug, welcher über keine Klimaanlage verfügte. Dafür gab es auf jedem Gang einen alten Wasserkessel mit heißem Teewasser, der perfekte Drink für diese Sauna-Temperaturen. Der sehr launische Schaffner hätte der Saunameister sein können, nur dass er den für uns alles entscheidenden Satz nicht gesagt hatte: „Wem zu kalt ist der rutscht eine Reihe höher, wem zu warm ist der kommt eine Reihe weiter hinunter und natürlich kann man die Sauna JEDERZEIT VERLASSEN“ (hmm.. leider nicht). Aber noch ein paar Worte zum Schaffner: Man muss sich vorstellen, wir beide standen mitten in der Nacht (der Zug ging um Mitternacht) voller Vorfreude am Bahnhof. Im Gepäck – natürlich unsere vollbepackten Fahrräder. Die Zugtickets hatten wir bereits am Vortag beim Ticketoffice gekauft. Die Dame am Schalter hatte uns mehrere Male versichert, dass die Fahrradmitnahme problemlos und kostenlos sei. Nun, in besagter Nacht wollte uns der besagte Schaffner einfach am Bahnsteig stehen lassen, weil wir zwei Fahrräder dabei hatten. Nach langer gestenreicher Diskussion (er kein Englisch, wir kein Russisch), konnten wir die Fahrräder verladen. Doch von Nachtruhe im Zug war keine Spur. Er bestellte uns beide mehrmals in sein Kämmerchen und wollte 50 Dollar für die Fahrräder kassieren. Wir blieben aber stur, da wir von der Verkäuferin beim Ticketschalter und von anderen Radfahrern wussten, dass die Mitnahme kostenlos sei. Der Schaffner drohte uns sogar, die Fahrräder beim Fenster hinauszuwerfen. Als wir ihm mehrmals verständlich machten, dass wir einfach das Ticketoffice anrufen würden, lenkte er endlich ein und ließ uns schlafen (nachdem er es mit einer Zahlung von 20 Dollar nochmals probiert hatte…).

In Kasachstan wurden wir vom Glück geküsst, denn die Fähre war zufällig genau an dem Tag zur Abfahrt im Hafen, an dem wir ankamen. Zur Erklärung: Es gibt im Internet anscheinend einen Fahrplan zur Fähre am kaspischen Meer, doch dieser stimmt nicht mit der Realität überein. So haben wir schon von etlichen Radfahrern gehört, dass manche ganze sieben Tage am Hafen auf die Fähre gewartet haben. Wir haben natürlich alle Ratschläge beherzigt und einen Essensvorrat für mehrere Tage angehäuft. Diesen Vorrat konnten wir aber auch ohne Wartezeit am Hafen gut gebrauchen, da die Essensportionen an Board für unsere Radfahrermägen zu klein war ;-).

Nach drei Tagen auf hoher See und einer guten kühlen Briese gingen wir in Aserbaidschan an Land – back to the heat. Wir waren also wieder in der vollen Sommerhitze angekommen. Die erste Nacht schlugen wir unser Zelt auf einem Kreisverkehr nahe des Hafens auf. Als in der Nach ein Polizist vorbeikam meinte er nur lachend: „Your private hotel“. Alles in allem waren wir von der Gastfreundschaft der Menschen in Aserbaidschan überwältigt. An einem heißen Radeltag in der prallen Sonne schenkte uns ein Autofahrer zwei Liter kaltes Wasser, ein Melonenverkäufer schenkte uns im vorbeifahren zwei Zuckermelonen, ein Eiswagen schob extra zu uns zurück, um uns zwei Eis am Stiel aus dem Kühlwagen zu reichen und eine Familie im Auto blieb bei uns stehen, um uns nach einem gemeinsamen Fotoshooting eine Packung Kekese zu schenken – und das alles wie gesagt an einem einzigen Tag!

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Leider waren unsere Tage in Aserbaidschan nicht immer so rosig. So hatten wir unseren ersten gröberen nächtlichen Zwischenfall in der zweiten Nacht in diesem Land. Wir schlugen unser Zelt in einem kleinen Dorf auf, gleich neben einen schmalen Fluss. Da es am Abend noch hell war, kamen etliche Dorfbewohner vorbei, um zu sehen, was wir hier machten. Alle grüßten uns freundlich und auf die mit Gesten und ein paar Brocke Russisch gestellte Frage, ob wir hier zelten können, nickten uns alle freundlich zu. Auch ein junger Mann im Alter von 26 Jahren stellte sich mit zwei von seinen Freunden bei uns vor. Wir verständigten uns, wie so oft, mit Händen und Füßen. Als es dann zu dämmern begann, legten wir uns ins Zelt. Die nächtliche Ruhe währte aber nur bis Mitternacht, als wir in der Dunkelheit Stimmen hörten. Es waren die drei jungen Männer, die wir am Abend schon kennengelernt hatten. Sie tuschelten untereinander, und nach wenigen Augenblicken klopften sie an unser Zelt. Anfangs versuchten wir sie zu ignorieren. Die Männer ließen aber nicht locker, also steckte Domi den Kopf beim Zelt hinaus. Sie fragten uns, ob alles okay sei – wir antworteten mit „ja“. Sie schenkten uns daraufhin eine Zuckermelonen und gingen wieder weg. Sie tuschelten aber weiterhin neben unserem Schlafplatz, und plötzlich schüttete jemand Wasser auf unsere Zelt. Wir hörten nur wie sie lachend davonliefen. Wenige Minuten später kamen die drei wieder angetanzt. Nun sagten sie lautstark „Hello, hello. Police, Police“. Dominik ging entnervt vor das Zelt. Nun wollten sie uns weiß machen, dass einer der drei ein Polizist sei, nur weil er uns ein Foto von sich in seiner Militäruniform auf dem Handy zeigte. Domi meinte, dass wir einen Ausweis sehen wollen und er außerdem in T-Shirt und Badeschlapfen vor uns stünde, also keine Uniform an habe. Er verschwand daraufhin und kam wenige Minuten später mit einem Ausweis (was für ein Ausweis das war wissen wir bis heute nicht genau) und seiner Militärjacke und einer Militärkappe am Kopf zurück. Wir spielten das Spiel also mit und gaben ihnen unseren Reisepass, aber nicht das Original, sondern unseren Zweitpass, den wir für das Chinavisum gebraucht haben. Dann begann er ohne zu fragen Domi bei der Hüfte abzutasten, um ihn auf Waffen oder weiß Gott auf was zu durchsuchen. Domi währte dies ab, doch der Mann fuhr fort. Und tatsächlich – er erwischte den Pfefferspray, den Domi sich sicherheitshalber in den Hosenbund gesteckt hatte. Wir sagten noch „stop“, aber kaum hatte er den Spray in die Hand genommen, hatte er auch schon abgedrückt. So hat er sich selbst und seinen zwei Kollegen ins Gesicht und auf die Hände gesprüht. Im ersten Moment waren alle mal perplex, dann wollten sie natürlich wissen, was das war. Dominik deutete auf den Fluss neben uns, und dass sie sich alles aus dem Gesicht waschen sollten – dies taten sie auch bereitwillig. Wir versuchten ihnen zu demonstrieren, dass wir diesen Spray für gefährliche Straßenhunde dabei haben. Einer der drei Männer interpretierte dies etwas anders und legte sich seine eigene Story zurecht – er dachte, dies sei ein Moskitospray (wir ließen ihm in diesem Glauben und Domi bestätigte die Moskitospray-Theorie, wodurch sie uns den Pfefferspray wieder gaben). Die Situation spitzte sich allmählich zu und dann wollten die Männer noch, dass Dominik mit ihnen mitgehen soll. Als wir verneinten wollten sie Geld von uns. Wir verneinten erneut und meinten, dass wir nun wirklich die Poliziei anrufen werden. Zu unserem Glück kam in diesem Moment ein älterer Mann, der vermutlich ein Bewohner der naheliegenden Häuser war. Er schimpfte mit den Männern und bestand darauf, dass sie sich bei uns entschuldigen sollen. Die Männer kamen also mit geduckten Köpfen zu uns und gaben uns zur Entschuldgung die Hand. Danach zogen sie alle ab. Doch als wir erleichtert ins Zelt schlüpften, hörten wir erneut einen Krach. Domi kletterte wieder aus dem Zelt und sah auf der rund 30 Meter entfernten Straße eine Schlägerei mit ungefähr 7 Leuten – und dies mitten im Dorf um rund 2 Uhr morgens. Nun waren wir erst recht in Alarmbereitschaft – wir wussten ja nicht, was der Grund ihrer Auseinandersetzung war, und ob sie zu unserem Zelt zurückkommen würden. Wir haben nur vorher schon mitbekommen, dass der Mann im Militärjäckchen den anderen angedeutet hatte, dass er Probleme bekommen würde wenn wir die Polizei rufen – veillecht ein möglicher Grund? Jedenfalls packten wir gleich eine Notfalltasche mit allen wichtigen Utensilien, dass wir bei einer Rückkehr der Männer gleich davonlaufen könnten. Die Schlägerei wurde aber sehr schnell wieder aufgelöst, da etliche Anrainer aus den Häusern kamen und für Ordnung sorgten. Wir legten uns also wieder ins Zelt. Die Nacht verlief dann ohne Zwischenfälle, nur hörten wir immer wieder Schritte auf der anderen Seite des Flusses, woraufhin unser Puls immer in die Höhe schnellte. Wir begannen noch in dieser Nacht mit einer Reflexion der Geschehnisse – Was haben wir gut gemacht und was sollen wir bei einer ähnlichen Situation in Zukunft anders machen? Wir waren uns einig – die Kommunikation unter uns hat sehr gut funktioniert und wir haben bei jedem Schritt erstmal ruhig reagiert (auch wenn wir innerlich alles andere als ruhig waren).

Erst gegen 4 Uhr morgens war es dann wirklich still geworden und wir konnten noch ein paar Stunden schlafen. Das einzig schöne in dieser Nacht war, dass wir eine kleine Mitbewohnerin bekommen haben. Ein Babykätzchen hat sich zu uns gesellt und die Nacht auf unserem Innenzelt verbracht.

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Schon am nächsten Tag kam uns der nächtliche Zwischenfall wie ein böser Traum vor. Wir konnten auch schon über so manche Details lachen – zum Beispiel, dass sie den Pfefferspray für einen Moskitospray gehalten haben.

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Die restlichen Nächte in Aserbeidschan verliefen aber wie immer friedlich. Nur die letzte Nacht wurden wir von einem lautstarken Sommergewitter wach gehalten. Die Blitze erhellten das Zelt im Minutentakt, der Donner gröllte über uns dahin und heftige Regenschauer prasselten auf uns nieder. Nach dieser Nacht radelten wir auf die Grenze zu Georgien zu. Beim Grenzübertritt merkten wir erst, was wir die letzten Tage kaum gesehen haben – nämlich Frauen! In Aserbaidschan hatten wir den Eindruck, dass Frauen am öffentlichen Leben kaum teilnehmen. In den Cafes, den Restaurants, in den Geschäften, auf der Straße – wir bekamen so gut wie nie eine Frau zu sehen. Wir haben in Aserbaidschan bewusst einen Tag Ausschau gehalten, doch in den öffentlichen Einrichtungen am Land bekamen wir kaum eine Frau zu Gesicht, nur Männer.

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In Georgien änderte sich dies schlagartig – wir wurden gleich von einer weiblichen Grenzbeamtin in Empfang genommen. Schon auf den ersten Kilometern im neuen Reiseland fühlten wir uns pudelwohl und wir verbrachten 5 erholsame Tage in der Hauptstadt Tiflis. Mehr dazu gibt es dann aber im nächsten Eintrag!

Tadschikistan – Pamirhighway

Unterwegs auf der zweithöchsten Gebirgsstraße der Welt

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In Osch (Kirgistan) ist für uns der offizielle Beginn des Pamir-Highways. Auf diesen Abschnitt der Reise haben wir uns ehrlich gesagt schon am meisten gefreut. Doch bevor wir in Osch losradeln, verlängern wir unseren Aufenthalt in dieser Stadt noch spontan um weitere 2 Nächte (vielleicht, weil wir noch einmal gutes, abwechslungsreiches Essen genießen wollen, oder vielleicht eher, weil wir noch gutes Internet haben wollen, um die österreichischen innerpolitischen News mitzuverfolgen :-D). Somit verbrachten wir die letzten Tage in Osch vor dem ORF-live-stream und bewegten uns nur aus dem Zimmer heraus, um am Markt die letzten Einkäufe für die Einsamkeit des Pamirs zu erledigen. Am Bazar in Osch treffen wir zufällig zwei andere Radreisende, welche gerade den Pamir-Highway hinter sich gelassen haben. Sie erzählen mit läuchtenden Augen von der Zeit in Tadschikistan und empfehlen uns, unbedingt auch durch das Wakhan-Tal zu fahren. Das Wakhan-Tal ist ein Anschnitt des Pamirs, welcher im äußersten Süden Tadschikistans verläuft, abseits der Hauptroute. Er führt rund 300 km direkt entlang der afghanischen Grenze. Die Radfahrer erzählen uns von durchgehend schlechten Straßen, aber wunderschönen Landschaften. Mit ihrem „Vorgeschwärme“ haben sie uns von dieser Route überzeugt – das einzige große Fragezeichen jedoch war Bernis (teilweise) desolates Hinterrad… In den letzten Wochen waren zahlreiche Speichen gebrochen, und ob sie nun auch der Belastung von kilometerlangen Schotterpisten standhalten werden, blieb uns ein Rätsel. Aber wir würden es herausfinden.

Die meisten Radfahrer befahren den Pamir-Highway von West nach Ost, also von Duschanbe nach Osch. Wir starteten im Osten und hatten also ein relativ steiles Stück zu Beginn. Kommt man von der anderen Seite, hat man eine eher allmählichere Steigung zu den hohen Pässen, und dann zum Schluss eine steilere Abfahrt. Im Nachhinein betrachtet finden wir die Route, so wie wir sie befahren haben, recht gut – denn wir hatten den steilsten Part recht knackig in den ersten Tagen, und dann bis Duschanbe immer eine Tendenz bergab ;-).

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Am Weg zur tadschikischen Grenze kamen wir durch ein kleines Dorf. In einem Innenhof hörten wir Akkordeonmusik und singende Frauen. Voller Neugier steckten wir vorsichtig den Kopf durch das Tor, um zu sehen, was da drinnen los war. So schnell konnten wir garnicht schauen wurden wir eingeladen und waren Gäste dieses Festes, welches sich als Muttertagsfest entpuppte. Wir bewunderten die in Tracht gekleideten alten Damen und verfolgten einen traditionellen Tanz, welcher uns an tanzende Hühner erinnerte (ähnliche Armbewegung wie der Hühnertanz, welchen man aus den Faschingssendungen kennt 🙂 ). Am Weg zur Grenze trafen wir auch auf viele Hirten mit Schafherden, olympisch ambitionierte Schafe, welche sich für Stab-Hochsprung qualifizieren könnten (nur ohne Stab eben 😀 – siehe Bild)  und viele Kinder, die uns mit Fahrrädern begleiteten, oder am Straßenrand mit uns einschlugen.

In der letzten Stadt vor der tadschikischen Grenze (bereits auf rund 3200 Metern gelegen), bekam Berni dann starkes Kopfweh und leichte Übelkeit. Wir hatten uns im Vorhinein mit der Höhenkrankheit auseinandergesetzt und wussten, dass wir nun nicht mehr weiter aufsteigen sollten. Wir suchten uns daher ein lauschiges Plätzchen unter einer Brücke. Dieser Zeltplatz war insofern etwas besonderes, da wir ganz nebenbei noch unseren privaten Boulder-Platz hatten zum Klettern (das musste auch Berni trotz Kopfweh ausnutzen, aber nur kurz – dann ging es am Nachmittag schon ab ins Bett 😉 ). Am nächsten Morgen gab es dann zwei Überraschungen: Beim Aufwachen waren das Kopfweh und die Übelkeit verschwunden, und wir vernahmen ein Plätschern neben unserem Zelt. Berni meinte“ Seit wann hört man hier Wasser?“. Als wir aus unserem mobilen Haus herausblickten, sahen wir einen Fluss direkt neben uns. In den Bergen musste es wohl über Nacht stark geregnet haben. Dies ist unter anderem Dominiks größte Sorge beim Campen (seit Anbeginn der Reise), nämlich, dass wir an einem Flussbett von steigenden Wasserpegeln überrascht werden (was ihm auf seiner Donaureise auch fast passier wäre). Bis jetzt hat Berni diese Angst immer beschwichtigt – ab jetzt nicht mehr :-).

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An der Grenze zu Tadschikistan treffen wir zwei Radfahrer. Wir tauschten wir immer Erfahrungen aus, aber nicht nur Erfahrungen, sondern auch Tadschikisches/Kirgisisches Geld und SIM-Karten – eine Win-Win Situation 😉 Leider war es viel zu kalt um lange zu plaudern, daher düsten wir bald weiter. Nachdem wir den Ausreisestempel von Kirgistan im Pass hatten, gebann ein Abschnitt von 20km „Niemandsland“, bevor wir offiziell in Tadschikistan einreisen würden. Und was kann man in einem Niemandsland so erwarten? Eines auf jeden Fall nicht, nämlich gute Straßen… Die dortigen „Straßen“ glichen einem Schlachtfeld aus Matsch, Schnee, Eis und dazwischen schlängelten sich kleine Gebirgsbäche. Da es schon Abend wurde, und es stark zu regnen begann, schlugen wir unser Zelt auf. Obwohl es draußen Minusgrade hatte, schliefen wir ruhig und warm in unseren guten Schlafsäcken ein. Ruhig blieb es aber nur die ersten Stunden der Nacht, denn gegen Mitternacht begann draußen ein Schneegestöber, und Dominik erwachte als erster in dieser stürmischen Nacht. Das Rascheln des Windes am Zelt und das Rollen der Steine im daneben gelegenen Fluss glich laut ihm dem Knurren eines Wolfes… Somit wurde auch Berni aus dem Schlaf geweckt. Mit schlaftrunkener Gelassenheit wurde Dominik beruhigt und wieder zum Hinlegen bewegt. Erst am Tag danach konnte zugegeben werden, dass wir uns beide ganzschön gefürchtet hatten. Doch die Schrecken der Nacht waren schnell vergessen, denn wir waren in einem Winterwunderland erwacht. Rund 10cm Neuschnee umgaben uns und das Zelt. Die Zeltstangen waren gefrohren, somit mussten wir warten, bis die ersten Sonnenstrahlen das Zelt soweit erwärmten, um abgebaut zu werden. Um der Kälte zu entgehen setzten wir uns rasch in Bewegung. Die 20 km sollten sich dann als Ganztagesprojekt herausstellen. Wir hatten den 4300m hohen Pass vor der offiziellen tadschikischen Grenze noch vor uns, und die Straßen zwangen uns dazu, nahezu jeden Meter dieser Strecke zu schieben. Der Matsch quillte aus den Kotflügeln hervor, ummantelte die Bremsen und eigentlich jeden Teil unserer Fahrräder. In einem kleinen Haus vor dem hohen Pass legten wir eine Teepause ein, um für kurze Zeit aus den durchnässten Schuhen herauszuschlüpfen. Wir hätten vor Erschöpfung in dieser warmen Stube sofort einschlafen können, doch wir packten uns wieder zusammen, um uns die letzten Serpentinen zu dem Pass hochzuarbeiten. Überraschender Weise war die Stimmung an diesem Tag aber immer sehr gut. Wir freuten uns über diesen landschaftlich komplett anderen Teil der Reise und wurden von der Neugier angetrieben, wie es wohl auf tadschikischen Boden weitergehen würde. Nach einem Tag harter Arbeit waren wir dann endlich oben, und fuhren dann zur Grenzstation. Bei der Einreise trafen wir Reisende mit einem VW-Bus. Sie hatten keinen Allradantrieb und hatten schon Probleme, überhaupt aus dem Grenzpostenareal herauszufahren, ohne stecken zu bleiben… Wir wünschten ihnen alles Gute und hofften, dass sie diese Passage irgendwie doch geschafft haben!

Auf tadschikischer Seite besserten sich die Straßen dann doch wieder etwas, doch wir ratterten auf waschbrettartigen Schotterrillen dahin. Gegen Abend suchten wir nach einem Zeltplatz, als wir entlang einer Gebirgskette einen Schneesturm direkt auf uns zukommen sahen. Kurz darauf hörten wir schon die ersten Donner-Geräusche. Leider konnten wir keinen geschützten Ort ausfindig machen, daher mussten wir in windeseile unser Zelt auf einem flachen Sandfeld neben der Straße aufstellen. Dann ging alles sehr schnell. Der Wind zog auf, die Schneekörner prasselten auf uns ein und wir versuchten so schnell wie möglich unser Equipment ins Zelt zu bringen. Nach diesem Tag auf den schlechten Straßen verpulverten wir noch die letzte Energie beim ruck-zuck Aufbau des Zeltes. Nach dem Essen schliefen wir sofort ein und dem Himmel sei Dank zog der Sturm in eine andere Richtung weiter.

Am darauffolgenden Morgen waren wir wieder von Schnee umgeben. Wir verbrachten den Vormittag damit, unsere Fahrräder und Packtaschen zu reinigen. Geschlagene vier Stunden dauerte es, den Matsch von unserem Equipment herunterzuputzen. Danach radelten wir zum Karakul-See. Wir setzten uns in die Stube eines kleinen Restaurants und bestellten ein Abendessen. Da es schon später Nachmittag war, luden uns die Besitzer ein in der Stube zu übernachten. Wir nahmen dankend an und waren entzückt von dem kleinen Sohn der Familie. An diesem Abend erreichte uns eine besorgniserregende Nachricht in einer Whatsapp-Gruppe. Wir sind Teil einer internationalen Radfahrer-Whatsapp-Gruppe mit über 200 Usern. In Tadschikistan, und vor allem am Pamir, hat man so gut wie nie Internetempfang (nur in Ausnahmefällen). Wir bekamen die Nachricht herein, dass zwei Radfahrer auf der Strecke Karakul-Murghab vermisst seien. Wir wurden hellhörig, da diese Radfahrer nur eine Tagesetappe vor uns sein könnten. Wir gingen also durch den Ort und fragten bei verschiedenen Unterkünften nach, ob jemand die zwei Radfahrer gesehen habe. Niemand konnte uns Auskunft geben. Wir mussten also abwarten, ob wir sie am nächsten Tag einholen und treffen würden.

Der folgende Tag führte  uns über den höchsten Pass des Pamirs – den Ak-Baital-Pass auf 4655m. Beim Aufstieg trafen wir Reisende mit Wohnmobilen. Unter anderem begegneten wir auch einer Familie mit zwei Kindern. Diese hatten ein komplett eingerichtetes Holzhaus auf ihrem Truck dabei – wir waren „aus dem Häuschen“ vor Begeisterung! Wir plauderten mit den Eltern und winkten beim Wegfahren den Kindern im Holzhaus zu, welche von der Couch aus aus dem Fenster winkten. Danach trafen wir einen lettischen Motorradfahrer, welcher mit uns zu plaudern begann. Er wirkte etwas verwirrt und zurückhaltend, fuhr auch recht schnell wieder weiter. Uns beiden kam das alles komisch vor. Kurz danach kam ein weiterer Motorradfahrer, wie sich herausstellte der Kumpel des ersten Motorradfahrers. Dieser erzählte uns, dass der andere im „Niemandsland“ auf den Matsch-Straßen umgekippt sei, und das Motorrad auf seinen Fuß drauf gefallen sei. Der Fuß sei nun vermutlich gebrochen, doch sie mussten weiterfahren, um hoffentlich bald ein Krankenhaus zu finden!

Am Ak-Baital-Pass begann es wieder zu schneien. Die Straßen waren leider auch wieder schlechter und so brauchten wir zum Schieben der Fahrräder geschlagene 30 Minuten für einen Kilometer! Wir machten auch viele Pausen zwischendurch, und bemerkten ein Rudel von Tieren am Hang des Berges hinter uns. Wir konnten leider nicht genau sehen um welche Tiere es sich exakt handelte, aber sie bewegten sich so geschmeidig elegant wie Wölfe (nicht so, wie wir es von Gämsen oder Rehen gewohnt waren…). Wir nahmen also all unsere letzte Kraft zusammen, um den Pass etwas schneller zu erreichen. Wir drehten uns aber immer wieder um, um zu sehen, ob das Rudel uns folgen würde. Glücklicher Weise blieben sie uns aber fern. Rund 30km nach dem Pass schlugen wir dann unser Zelt neben einem Fluss auf (aber mit Sicherheitsabstand zum Wasser 😉 ). Es wurde zu unserer kältesten Nacht  (-15 Grad) – denn diese Nacht war sternenklar und am darauffolgenden Morgen war der Fluss komplett zugefrohren.

Betrachtet man die Stadt Murghab auf der Karte, so hat man das Gefühl, es sei eine große, gut ausgestattete Stadt. Tja, falsch gedacht.. Wir sahen auf unserer Karte drei Banken eingezeichnet, daher hatten wir damit gerechnet, in Murghab Geld abheben zu können. Als wir aber dann in Murghab ankamen, waren zwei der drei Banken geschlossen und es gab nirgends einen Bankomat. Wir hatten genau nichts mehr im Geldbörserl, außer die 20€, die uns Bernis Oma zu Weihnachten zukommen hat lassen. Doch in Bank nummer Drei wollten sie uns nicht einmal unser einziges Geld wechseln, sie hätten nur US-Dollar akzeptiert… Na toll! Wir – völlig hungrig und ausgepowert, den Tränen nahe (na gut, nur Berni war den Tränen nahe…) – standen am Straßenrand, planlos. Da kam plötzlich ein Tourist aus Kanada vorbei. Wir kamen ins Gespräch und erklärten ihm unsere missliche Lage. Der nächste Bankomat sei rund 10 Tagesetappen entfernt und wir haben nur Euros… Der Kanadier war so lieb, uns die 20 Euro in tadschikische Somoni zu wechseln – die erste Erleichterung. Wir kauften uns sofort einen Sack Kekse, um unser Blutzuckertief zu beheben. Dann war uns zwar schlecht, aber wir hatten wieder Energie, um unser Problem weiter anzugehen. In dem einzigen Hotel im Ort, dem Pamir Hotel, fragten wir nach, ob es eine Möglichkeit gebe, irgendwo Geld abzuheben – leider nein. Der Hotelrezeptionist war sehr freundlich und sprach sehr gut deutsch, was uns erneut aufatmen ließ. Er meinte, er würde uns versuchen zu helfen. Im Laufe des Tages kam ein älteres Pärchen aus Frankreich mit ihrem Wohnmobil beim Hotel an. Uns war die ganze Sache furchtbar unangenehm, doch uns blieb nichts anderes übrig, als die beiden nach Bargeld zu fragen. Sie waren bereit uns zu helfen und konnten uns 100 Euro in bar geben – genug, um die nächsten zwei Wochen Essen zu kaufen. Da wir in Murghab Internetempfang hatten, konnten wir ihnen „Onlinebanking sei dank“ das Geld auch sofort wieder rücküberweisen. Der Hotelrezeptionist tauschte uns die Euros dann noch in tadschikisches Geld um – somit waren wir wieder auf der sicheren Seite.

Es heißt, am Pamir hat fast jeder Magen-Darm-Probleme. Leider musste auch Dominik diese Erfahrung machen. In der Nacht in Murghab verbrachte er viele Stunden am Klo… Daher fuhren wir am nächsten Tag nur 10km aus der Stadt hinaus, um sofort das Zelt aufzuschlagen und einen Lesenachmittag in der Sonne zu verbringen. Wir nutzten also unseren Pausentag zum Wäschewaschen und Ausruhen. Wir hatten noch etwas Empfang und lasen mit Erleichterung, dass die zwei vermissten Radfahrer sich gemeldet hatten – ihnen war nichts passiert, sie hatten lediglich keinen Empfang gehabt.

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Der Folgetag hielt wieder viele Überraschungen bereit. Am Weg trafen wir einen älteren Mann, welcher von Slowenien bis nach Tadschikistan zu Fuß gegangen war. Er habe mehrere Etappen gemacht und sei dazwischen teilweise nachhause geflogen. Nun ginge er den Pamir – und zwar in 50 km-Tagesetappen! Wir waren sprachlos! Wir selbst schafften auf diesen Straßen teilweise nur 40-60 km pro Tag – und das mit dem Fahrrad! Er meinte, dass er von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang gehe, sehr ambitioniert unserer Meinung nach. Der Mann ging weiter und wir sahen hinter ihm eine Radfahrerin auf uns zukommen. Sie fuhr den Berg so locker leicht hoch, dass wir uns dachten, sie muss wohl sehr durchtrainiert sein. Als sie näher kam hörten wir das surrende Geräusch ihres Elektromotors. An diesem Tag lernen wir Andrea kennen, eine schweizer E-Bike Fahrerin, welche von Zürich nach Duschanbe gefahren ist. Sie ist dann nach China geflogen, um dort zu überwintern, und anschließend die Strecke wieder retour nach Duschanbe zu fahren. Dies war die Geburtsstunde unserer Pamir-Fahrradgruppe. Wir beschlossen also, gemeinsam weiterzufahren. Eigentlich hatte Andrea nicht geplant durch das Wakhan-Tal zu fahren, da sie auch nicht wusste, ob sie dort ihre Akkus für das Rad laden könnte. Doch es würde nur eine Strecke von rund 120 km unbewohnt sein, und da sie zwei Akkus hatte (mit einem Akku kam sie 100 km weit), war sie gleich überzeugt von dieser neuen Route.

Das Wakhan-Tal

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Wir zweigten also nun als Dreierteam von der Hauptroute ab und fuhren dem Pass entgegen, auf dessen Hinterseite das Wakhan-Tal lag. Es sollte der letzte Tag sein, an dem wir halbwegs gute Straßen gesehen haben… Es ging weiter auf Sandpisten und Schotterstraßen. Andrea fuhr meist voraus, um uns dann beim Schieben unserer Fahrräder zu helfen – wir waren sehr dankbar dafür! 🙂 Nach dem Pass erreichten wir die Militär-Kontrolle an der afghanischen Grenze. Unsere Reisedaten wurden aufgenommen. Nun begann ein wunderschöner und sehr besonderer Anschnitt. Beim Runterfahren wurde es immer grüner und grüner, die Temperaturen wurden immer angenehmer und die Dörfer des Wakhan glichen saftig-grünen Oasen in mitten der wüstenähnlichen Landschaft. Das Wakhan verläuft direkt entlang von Afghanistan, getrennt werden die beiden Länder lediglich von einem Fluss.

Wir brauchten 8 Tagesetappen durch dieses Tal, mit einem Pausentag in einem kleinen Homestay. Dieses Homestay war wunderbar – gute Duschen und gutes Essen! Zum Frühstück gab es drei verschiedene, selbstgemachte Marmeladen, knuspriges Brot und allerlei Köstlichkeiten. Was soll man sagen, uns „immer hungrigen Radfahrer“ kennt man wohl von anderen Reisenden herraus – wir drei aßen immer alles auf was am Frühstückstisch stand :-D. An unserem Pausentag gingen wir zu einer der vielen „Hot-Springs“, also eine der heißen Thermalquellen. Diese Quellen sind in einem Badehaus, welches einen Raum für Frauen und einen Raum für Männer hat. Die dort ansässige Bevölkerung nutzt diese Hot-Springs zum Duschen, da die wenigsten über heißes Leitungswasser verfügen. Wir hatten einen schönen Nachmittag im Badehaus und kamen dort mit den Menschen des Dorfes zusammen. Das Wasser war jedoch so heiß, dass man kaum 5 Sekunden die Füße reinhalten konnte. Nach dem Badevergnügen wurden wir noch auf einen Tee eingeladen,  und konnte so ein Haus der lokalen Bevölkerung besuchen. Was uns sofort auffiel: In dem Haus waren zahlreiche Kinder – das jüngste war 3 Monate alt, die älteren rund 10 Jahre. In dem Haus waren viele Generationen versammelt und die Kinder tollten in dem großen Wohn-/Schlafzimmer herum. Hier wird der Satz „Es braucht ein Dorf um ein Kind zu erziehen“ noch richtig gelebt.

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Im Wakhan hatten wir ab 3 Uhr Nachmittags immer sehr starken Gegenwind. Hin und wieder begann es auch zu regnen. In diesen Fällen setzten wir uns zu dritt in unser Zelt und kochten vom Zelt aus. Manchmal wurden wir auch von den Hirten zum Tee eingeladen. Russisch zu lernen wäre noch der Hit gewesen, doch wir konnten uns auch mit Händen und Füßen verständigen. Ebenso bewunderten wir immer wieder das Wildwasser des Grenzflusses, und Dominik träumte schon davon, welche Linien man in diesem Fluss mit einem Raft oder Kajak fahren könnte. Für uns war es wie immer auch ein Highlight andere Radreisende zu treffen – und von denen trafen wir reichlich am Pamir ;-). Wir campierten jeden Tag – immer vis-a-vis des Grenzflusses. Eines Nachts hörten wir Stimmen außerhalb des Zeltes. Ehrlich gesagt hatten wir doch ein etwas mulmiges Gefühl, doch wir vermuten, dass es das Militär gewesen sein muss, was auch tagsüber immer wieder auf Patrouille ging.

Nach dem Wakhan-Tal erreichten wir die Stadt Chorugh. Dort stiegen wir in das Radfahrer-Hostel „Pamir-Lodge“ ab. Wir trafen zwei pensionierte australische Radfahrer. Einer von ihnen war ein Fahrradmechaniker – perfekt für unsere Situation! Bernis Speichen brachen noch immer… Sie hatte jetzt schon 13 Speichenbrüche „all-in-all“. Wir zogen mit ihm alle Speichen noch fester an, was sich im Nachhinein vielleicht als Fehler herausstellte, aber mehr dazu später. In dem Hostel trafen wir auch zwei Schweizer, einen Vater mit seiner Tochter, beide bereisten den Pamir mit dem Motorrad. Wir hatten eine tolle Zeit, all die Reisenden mit ihren Geschichten zu treffen! 😉

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Beim letzten Teil des Pamir-Highways nach Duschanbe hatten wir tolle Campingplätze – einmal sogar mit einem eiskalten Schwimmbecken in einem kleinen Wald. Nun begann auch die Landschaft sich zu verändern. Es wurde immer heißer, die hohen Felswände verschwanden und wurden in sanfte Grashügel verwandelt. Über Mittag mussten wir immer eine lange Pause machen, um der Hitze zu entgehen. Da dürfte auch Berni einmal etwas „Falsches“ erwischt haben. Sie hatte sich schon gefreut, den Pamir ohne Magen-Darm-Geschichten überstanden zu haben… Doch dann verbrachte auch sie noch eine Nacht zwischen Zelt und Gebüsch. Das Problem mit Bernis Speichen wurde leider auch immer schlimmer. Die Speichen brachen nun auch auf guter Asphaltstraße – einfach so. Wir zählten nun schon Speichenbruch Nummer 16! Nachdem wir in Chorugh alle Speichen fester gezogen hatten, wurde es für uns auch immer schwieriger das Hinterrad zu zentrieren. Zum Schluss blockierte das Hinterrad so stark, dass wir die letzten 150 Kilometer per Autostop zurücklegten. Wir trennten uns schweren Herzens von Andrea, welche uns nun schon seit fast 3 Wochen begleitete. Sie würde die letzte Etappe in zwei Tagen radeln und uns dann wieder in Duschanbe treffen.

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Auf der Strecke nach Duschanbe kamen wir auch an einem Denkmal vorbei. Letztes Jahr wurden bei einem Attentat mehrere Radfahrer auf offener Straße ermordet. Seither hat die Polizei- und Militärpräsenz auf der Pamirstrecke stark zugenommen.

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Zurückblickend war der Pamir definitiv eine der schönsten und anspruchvollsten Fahrradstrecken, die wir je gesehen haben. Man trifft auch immer wieder andere Radfahrer – teilweise bis zu 9 Radfahrer pro Tag (wir schlossen am Morgen immer Wetten ab, wieviele es werden würden). In Duschanbe – dem Ende des Pamirs – konnten wir im Greenhause Hostel unterkommen (ein ebenso beliebtes Hostel bei Radfahrern). Hier trafen wir auch die zwei Radfahrer, die als vermisst gegolten haben und nach denen wir in Karakul gesucht hatten. Bernis Laufrad wurde ausgetauscht und soll nun hoffentlich bis zuhause halten. Ebenso wurden einige weitere Pläne für unsere Reise geändert – aber mehr dazu beim nächsten Mal! 😉

 

 

 

 

 

Kasachstan und Kirgistan

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Wir ließen China hinter uns. Nach einem langwierigen (und für uns die Privatsphäre weit überschreitenden) Ausreiseverfahren aus China standen wir plötzlich in Kasachstan. Das Einreiseprocedere auf kasachischer Seite war schnell und unkompliziert. Der Grenzpolizist lernte uns ein paar Basics auf Russisch, während wir unsere Stempel in den Pass bekamen. Es war Abend geworden und wir setzten uns wieder auf unsere Drahtesel, um die ersten Meter im neuen Reiseland zu tätigen. Wir warfen einen Blick zurück und betrachteten die chinesische Grenzstadt Korgas von Kasachstan aus. Wir bestaunten das riesige torbogenartige Monument, welches der chinesische Präsident an der Grenze zu Kasachstan errichten ließ. Dies soll ein Symbol für die neu verlaufende Seidenstraße sein, welche hier nach Kasachstan, und in Zukunft vielleicht bis nach Europa verlaufen soll. Von dem ganzen „Glanz und Gloria“ war auf kasachischer Seite aber nichts zu sehen, denn drehte man sich von der chinesischen Seit weg sah man nur eine Wüstenlandschaft – sonst nichts. Wir fuhren an diesem ersten Abend also nicht mehr besonders weit, sonder suchten uns gleich einen gemütlichen Zeltplatz zwischen den Hügeln aus Sand und Gebüsch. Wir freuten uns sehr über diesen anderen Landschaftscharakter, doch unsere Fahrradmechanik litt unter dem feinen Sand, welcher überall an den Fahrradketten kleben blieb. In dieser ersten Nacht zog auch ein Gewitter auf und der Regen prasselte lautstark an unsere Zeltwände. Leider hatten wir die Zeltplane beim Schlafengehen nicht genug gespannt – daher wurden auch die Innenwände unseres Zeltes nass. Wir blieben daher noch bis in den Vormittag hinein in unserem Zelt liegen, bis der Regen endlich aufhörte. Der starke Wind föhnte unser Zelt dann sogar nahezu trocken.

An unserem ersten „richtigen“ Tag am Sattel kamen wir nach etlichen Kilometern in das erste Dorf. Wir waren wie immer hungrig und entdeckten gleich einen kleinen, unscheinbaren Laden. Wir ahnten beim Eintreten noch garnicht, was uns da jetzt erwarten würde: nämlich, der Himmel auf Erden! Auf unserer ganzen bisherigen Reise haben wir noch nie echtes Bauernbrot bekommen (immer nur Toastbrot). In diesem kleinen, vielleicht 10 Quadratmeter großen Laden gab es einfach alles (alles, was das Radfahrerherz begehrte 😉 ): Brot, Butter, Joghurt, Kekse, Nutella (oder besser gesagt die kasachische Version Ramella), Schokolade, Obst, Gemüse, verschiedenes Gebäck und vieles mehr. Wir gingen bestimmt drei Runden in diesem kleinen Laden und bestaunen die Lebensmittel mit offenen Mündern. Dann sagten wir zu uns „Okay, jetzt nicht durchdrehen. Wir können nicht alles kaufen“. Sagen wir so, im Endeffekt wurde es ein Großeinkauf und wir hatten Probleme, all die Leckereien in unseren Packtaschen zu verstauen. Auch bei den Preisen waren wir ganz baff: Ein Kilo Brot und ein Block Butter bekamen wir für umgerechnet 60 Cent! Wir freuten uns über diese kulinarische Abwechslung! Um wirklich das volle Buttererlebnis zu haben, bestrichen wir die Brote ganz dick (einfach Butterstücke aufs Brot legen – so, wie es Berni zuhause gelernt hatte 😀 ). Sogar Dominik, ein bisher lebenslanger Butterbrotverweigerer, kam zum ersten Mal auf den Genuss – und das im Alter von 26 Jahren. Zwar nicht so dick bestrichen wie Berni, aber es ist ja mal ein Anfang :-).

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Auf unserem Weg zur Großstadt Almaty fuhren wir bei zahlreichen Bauernhöfen vorbei. Die Landschaft war für uns einfach ein Traum – wir fuhren neben hohen, teilweise schneebedeckten Gebirgsketten, große Herden von Pferde, Kühe und Schafe grasten neben der Straße und die Menschen winkten und grüßten uns beim Vorbeifahren. Sogar so manch ein Polizist schlug mit uns im Vorbeifahren ein 😉 Zum ersten Mal auf unserer Reise war den Menschen das Wort „Austria“ auch ein Begriff. Kaum jemand verwechselte den internationalen Namen unserer Alpenrepublik mit dem Kontinent „Australia“. Und zu unserer Überraschung konnten manche Leute auch ein paar Worte Deutsch, oder zählten Namen deutscher Städte auf, wo sie einmal gearbeitet hatten. Doch trotz dieser Idylle gab es Probleme: bei Bernis Fahrrad brachen erneut vier Speichen (und das obwohl sie schon das leichtere Gepäck chauffierte). Insgesamt haben sich in einem Monat acht Speichen verabschiedet! Glücklicherweise war Dominik schon extrem fit im Speichenwechseln. Somit wurde das Problem in Windeseile behoben (aber die Sorge um neue Speichenverluste stieg natürlich…)

In Kasachstan verliebten wir uns nicht nur Hals über Kopf in die Landschaft, sondern auch in die vielen Campingmöglichkeiten. Musste man in Südostasien teilweise am Nachmittag schon nach geeigneten, nicht so stark besiedelten Plätzen ausschau halten, so glich Kasachstan einem einzigen, großen Campingplatz. Zwischen den Dörfern waren kilometerlang keine Häuser, nur Wälder, Wiesen und Pflanzen, welche nun im Frühling wieder ein sattes, grünes Blätterkleid trugen. Auch die Wüstenlandschaft hatte immer wieder kleine Oasen mit Bäumen, welche zum Übernachten geeignet waren. Wir campierten auch bei eiskalten Flüssen, sprudelnden Wasserbecken und nutzten das Wasser zum Kochen und Duschen (damit auch wieder einmal die Hygienefrage geklärt wird 😀 ). In den kleinen Dörfern konnten wir auch bei öffentlichen Brunnen unsere Wasservorräte auffüllen.

 

Ein Teil unseres Weges führte auch durch eine lange Wüstenlandschaft, welche kaum besiedelt war. Wir hatten leider eine Pechsträhne und 5 Tage lang fuhren wir mit sehr starkem Gegenwind. Das zehrte ganzschön an unseren Kräften und wir kamen nur sehr langsam voran. Als wir uns nun an einem Tag abmühten und gegen den Wind ankämpften, phantasierten wir so vor uns hin. Bis zur nächsten Stadt waren es noch etliche Kilometer und es war bereits Mittag – und wir ohne Essensvorräte. Durch den Gegenwind würden es noch zwei Stunden sein bis in die nächste Stadt. Daher träumten wir davon wie es wohl wäre, wenn ein Autofahrer plötzlich stehen bleiben würde und uns einen Kebap mit Pommes und Cola vom Restaurant „Aganigi Naganigi“ aus Salzburg schenken würde 🙂 . Wie es das Schicksal wollte blieb auf einmal wirklich ein großes Auto stehen. Ein nettes kasachisches Pärchen aus Almaty stieg aus und fragte interessiert, woher wir sind. Wir erzählten ihnen von unserer Reise. Der Mann ging zum Auto und reichte uns ein paar Schokoriegel. Dann kam er mit immer mehr Essen. Sie schenkten uns Bananen, Wasser, Schokolade, gegrilltes Rind- und Hühnerfleisch, Selchfische, Saucen, gekühltes Bier und Tomatensaft. Wir waren sprachlos. Er meinte nur, dass sie heute nachhause fahren nach Almaty und ihren Reiseproviant nicht mehr brauchen. Als er plötzlich mit einer Vodkaflasche kam und uns diese auch schenken wollte erklärten wir, dass wir beim Radfahren keinen Schnaps trinken können. Er ließ sich aber nicht davon abhalten und füllte für uns den Vodka aus der Glasflasche in eine Plastikflasche um. Er zeigte uns, dass wir uns mit dem Hochprozentigen auch einreiben können (à la „Franzbranntwein“). Die beiden verabschiedeten sich und wir veranstalteten ein Straßenpicknick. Wir setzten uns auf unsere Matten und genossen dieses Festmahl. Danach legten wir uns mit vollen Bäuchen hin und dösten in der Sonne. Als wir am Nachmittag weiterfuhren blieb wieder ein Auto stehen. Der Fahrer stieg aus, grüßte uns, drückte uns ein großes Fladenbrot in die Hand und fuhr winkend wieder weiter. Wir beide waren von der umsorgenden Art dieser Menschen begeistert.

Am Weg nach Almaty trafen wir auch zwei andere Radreisende, ein Pärchen aus England. Wie immer gab es viele Geschichten auszutauschen. Sie waren in Richtung China unterwegs und freuten sich über den guten Rückenwind. Den brauchten sie auch, denn sie mussten ihren bereits gebuchten Zug erwischen. Die chinesische Provinz Xinjiang wollten sie mit Öffis überspringen. Am darauffolgenden Tag mussten wir erneut an die beiden Radfahrer denken, da wir endlich nach 5 Tagen Gegenwind Rückenwind hatten. Nun waren wir sehr schnell, mit einer Geschwindigkeit zwischen 25-30 km/h – Was für ein Gefühl! Daher erreichten wir Almaty doch 2 Tage früher als zuerst erwartet. In Almaty konnten wir bei einem Gastgeber von Couchsurfen unterkommen. Bei ihm waren auch noch ein reisendes Pärchen aus Deutschland und ein Mann aus Russland einquartiert. Wir schliefen also zu fünft auf einem Matratzenlager im Wohnzimmer. Wir verbrachten 3 Nächte in Almaty und genossen die Gesellschaft unserer bunt zusammengewürfelten Wohngemeinschaft. Jeden Abend wurde gemeinsam gekocht und wir spielten Kartenspiele. Wir hatten noch die Vodkaflasche im Gepäck, welche uns die netten Autofahrer am Weg geschenkt hatten. Wir wollten die Flasche nicht mehr mitnehmen, und so wurde es ein langer Abend mit unserem russischen Mitbewohner, welcher uns Runde für Runde zeigte, wie man am besten Vodka trinkt. Er aß nach jedem Stamperl ein paar Löffel Dosenfleisch mit rohem Ei und Salz (Hauptsache viele Proteine) – sein Geheimrezept. Wir lehnten dankend ab 🙂

Wir verabschiedeten uns also schweren Herzens nach drei Tagen. Almaty wurde von uns zur schönsten Stadt unserer bisherigen Reise gekürt. Wenn wir abgesehen von Österreich noch wo anders leben wollen würden, dann in Almaty! Diese Stadt ist wie ein sehr großes Dorf, es gibt kaum Hochhäuser, sondern viele Familienhäuser mitten im Zentrum. Man ist umringt von Bergen und Skigebieten und man hat das Gefühl, als sei Almaty eine junge, lebendige und offene Stadt. Die vielen grünen Parks waren ein weiteres Highlight.

Doch nach drei Tagen ging es wie gesagt weiter Richtung Kirgistan, welches wir nach zwei Fahrradtagen erreichten. Der Wind bließ wieder sehr stark und in den Nächten regnete es immer wieder. Doch wir blieben dank guter Zeltplanenspannung trocken und warm.

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Nach nur 10 Tagen in Kasachstan konnten wir problemlos die Grenze zu Kirgistan passieren. Noch am selben Tag erreichten wir die Grenz- und gleichzeitig Hauptstadt Bischkek. Dort konnten wir wieder bei einem Gastgeber von Cochsurfen nächtigen. Unser türkischer Gastgeber lebt in einer Wohnung im Stadtzentrum mit zwei Freunden. Wir bekamen türkischen Kaffee und plauderten viel über das Leben hier in Kirgistan. Unser Gastgeber studiert hier an einer Univesität, welche einen Schwerpunkt für türkische Austauschstudenten hat. Am zweiten Abend unseres Aufenthaltes gingen wir mit ihm und all seinen Freunden in ein türkisches Restaurant. Seine Freunde studieren ebenfalls hier und arbeiten freiwillig als Englisch-Nachhilfelehrer. Wir hatten viele interessante Themen über die Politik in Europa und der Türkei. Es war ein lustiger und spannender Abend.

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Nach diesem Zwischenstop packten wir wieder unsere Fahrräder. Wir hatten nun ein großes Ziel vor Augen: Die kirgisische Stadt Osch im Süden des Landes (von dort aus soll es dann auf den Pamirhighway gehen, welcher durch Tadschikistan verläuft). Wir fuhren durch atemberaubende Frühlingslandschaften und kämpften uns auf einen über 3175m hohen Gebirgspass hoch. Domi hatte auch noch so viel Power, dass er eines Nachmittages auf einen Gipfel der vielen Berge rund um uns stieg. Berni zog es aufgrund der Kälte vor im Zelt zu bleiben und einen Powernap einzulegen (man muss ja nicht bei allem mitmachen) ;-). Die Nächte in der Nähe des Passes waren nun empfindlich kalt. Wie schon so oft waren wir froh, diese tollen Winterschlafsäcke dabeizuhaben. Zum Einschlafen lauschten wir unserem Hörbuch „Die Abenteuer des Huckleberry Finn“.

Als wir mit den Fahrrädern den höchsten Punkt des Passes erreicht hatten, mussten wir absteigen und mit einem Lastwagen durch einen 5 km langen Tunnel fahren. Danach hatten wir eine lange Abfahrt.

Am Weg nach Osch trafen wir auch auf eine Reisegruppe aus Deutschland und der Schweiz. Zehn Campingbusse waren von Europa aus auf dem Weg nach Australien – unter ihnen auch Familien mit Kindern. Ein nettes, älteres Paar aus der Schweiz hielt an und zeigte und die Route dieser Reisegruppe. Tagsüber kann jeder in seinem eigenen Tempo fahren und am Abend treffen sie sich wieder alle am selben Ort.

Nach dem Gebirgspass fuhren wir durch das wohl schönste Tal, das wir jemals gesehen haben. Also ohne Spaß – es war als ob man von einer Postkartenlandschaft in die nächste fahren würde. Die teilweise schneebedeckten Felstürme reihten sich aneinander, Wildwasserflüsse schlängelten sich neben der Straße und Hirten waren mit ihren Schafherden und Kühen unterwegs. Und ganz nebenbei knackten wir die 10.000 km Marke! Wir hätten uns keinen schöneren Ort für dieses kleine interne „Event“ vorstellen können. Sehr eindrucksvoll war das Zusammentreffen von blitzblauen Flüssen mit trüb-grauen Wildwasserflüssen (sehet selbst am Bild! 🙂 und drei mal dürft ihr raten welches Wasser aus welchen der beiden Flüsse wir getrunken haben… aber zu unserer Verteidigung: die Einheimischen trinken auch dieses Wasser und der blaue Fluss kam erst viel später am Weg dazu 😀 ).

Das wohl schönste an unserer Zeit in Kirgistan war, dass wir die Lagerfeuersaison eröffnet haben. Wie schon beschrieben gab es in Kasachstan und Kirgistan viele Zeltplätze und auch Feuerholz war leicht zu finden. So gab es Steckerlbrot und unser Campingkocher durfte eine Pause einlegen. Apropos schöne Campingplätze – am Toktogul-Reservoir schliefen wir mit unserem Zelt direkt am See. Wir kamen an einem kirgisischen Feiertag am See an und waren dort unter vielen Besuchern. Eine Gruppe von Einheimischen sang Volkslieder in Begleitung von Akkordionklängen. Bevor die Sänger den See verließen wurden wir zum Abschied auf ein Stamper Vodka eingeladen – Prost!

 

Wir trafen auch einen niederländischen Radreisenden. Eigentlich ist er mit einem Freund unterwegs, doch da sein Fahrradpartner für 2 Wochen zu einer Hochzeit nachhause geflogen ist, sind sie nun etwas zweitversetzt unterwegs. Ebenso lernten wir am Weg einen älteren russischen Radfahrer kennen.

Kurz vor der Stadt Dschalalabad verabschiedete sich ganz unerwartet und ohne ersichtlichen Grund Bernis Speiche Nummer 9 – es war zum Verzweifeln. Doch auch diese Speiche wurde rasch ersetzt. Am weiteren Weg trafen wir den zweiten niederländischen Radfahrer, welcher auf der Hochzeit zuhause war. Er ist der Fahrradpartner des Tage zuvor begegneten Reisenden. Wir plauderten den ganzen Nachmittag und da es außerhalb der schattenspendenden Bushütte zu heiß für unser Empfinden war, beschlossen wir gemeinsam einen Campingplatz am Fluss zu finden und baden zu gehen – gesagt, getan. Wir schlugen gemeinsam unsere Zelte auf und kochten ein Abendessen. Ein netter kirgisischer Bauer kam vorbei und schenkte uns Brot und Eier – wir bedankten uns herzlich und freuten uns auf dieses Frühstück. Am Abend erzählen wir von Bernis Speichen-Dilemma und unser niederländischer Kollege war sehr interessiert, mit welchem Werkzeug wir all das reparieren. Dominik wollte es ihm demonstrieren und musste schließlich feststellen, dass wir das Tool zum Abziehen der Kassette beim Reparieren der neunten Speiche verloren hatten… Wir hofften also, dass wir in Osch (vorm Anstieg zum Pamirhighway) das verlorene Werkzeug ersetzen können. Später in dieser Nacht zogen tief schwarze Gewitterwolken auf und wir beobachteten die vielen Blitze in der Ferne. Bis auf etwas lebhafteren Wind zog das Unwetter aber in eine andere Richtung davon.

Wenige Tage nach dem gemeinsamen Campen erreichten wir nach Dschalalabad die Stadt Osch. Hier freuten wir uns über eine richtige Dusche und ein echtes Bett in einem kleinen Guesthouse. Am Bazar fanden wir in einem versteckten Winkel viele kleine Fahrradreparaturläden. Wir konnten sogar unser verloren gegangenes Werkzeug ersetzen. Dieser große Bazar war ein sehr bunter und lebendiger Ort, viele viele Menschen strömten tagtäglich an den kleinen Marktständen vorbei. Besonders Berni freute es zu sehen, dass hier am Markt die Frauen ihre Kinder stillten, egal ob die Frauen ein Kopftuch trugen und sonst eher weniger Haut zeigten oder nicht. Diese Offenheit und Selbstverständlichkeit des Stillens war sehr bewundernswert unserer Meinung nach.

Gesamt gesehen gefiel uns die Zeit in Osch sehr gut – wir konnten nochmal Kräfte sammeln und uns Tipps von anderen Radreisenden bezüglich des Pamirhightways holen. Wir kauften viel frischen Ingwer und Knoblauch, um uns und unser Immunsystem für die nun folgenden Wochen des Aufstiegs zu rüsten. Ebenso kauften wir Trockenfrüchte und Essensvorräte. Endlich ist es so weit – auf den Pamir haben wir uns zuhause schon gefreut. Also auf nach Tadschikistan und bis bald! 😉